Das Attentat von Dermulo

KhBeyer

Attentat

in

Dermulo

Thriller

Vorwort

Das Attentat auf den Meisterkoch, Blogger und Schriftsteller KhBeyer in Dermulo.

In dieser Erzählung schildere ich Ihnen einen schmerzvollen Leidensweg von drei Jahren und länger.

Der Attentäter ist GAIARDELLI EUGENIO – Veicolo DR726CC (Targa) und wohnhaft in Tres, Via Orti 1, 38012 Predaia (TN).

Mir ist es nach drei Jahren nur auf diesem Wege möglich, den Attentäter öffentlich anzuzeigen. Ihnen wird eine besondere Skrupellosigkeit des flüchtigen Fahrers vorgeführt.

Angesichts der Umgebung, der Zusammenhänge und der Bedingungen des Unfallortes, rede ich von Vorsatz, was nach gültigem Recht einem Mordversuch gleich kommt.

Neben sehr viel Hilfe seitens der italienischen Verkehrsteilnehmer, des Rettungs- und Klinikpersonals im Santa Chiara-Trento, den Carabinieri Maresciallo in Rabland als auch der Betreiber des Imbiss Kiosko in Dermulo, habe ich natürlich auch reichlich Kritiken zu verteilen. Insbesondere in Richtung Hausarzt und deren Vertreter als auch in Richtung Bank und Versicherung. Vor allem den skrupellosen Patrick Ausserer, der mein Vertrauensverhältnis zur Südtiroler Sparkasse in Algund vorsätzlich schwer schadete.

Ich zeige Ihnen, welche gewissenlosen Praktiken Sie nach solch einem Unglück zu erwarten haben. Beweismaterial verschwindet und Anwälte drücken sich nicht klar aus. Ihnen hilft keiner. Jede einzelne Information müssen Sie sich mühevoll erkämpfen.

Wenn Sie bedenken, diesen Menschen und Mitbürgern, fünfzig Jahre lang in 90 – Stunden – Wochen als Koch in allen gesellschaftlichen Einrichtungen gedient zu haben, sehen Sie den gesellschaftlichen Verfall von Menschen unter kapitalistischen Bedingungen, der Seinesgleichen sucht.

KhBeyer

Arbeitswege und Ausfahrten

In einer Sechs-Tage-90-Stunden-Woche mit geteiltem Dienst legen Sie pro Tag zwischen 150 und 300 Kilometer allein für Arbeitswege zurück. Die Wege zahlen Sie. Bis auf wenige Ausnahmen.

In Tourismus – Hochburgen wie Südtirol oder den Trentino, haben Sie in jedem Fall mit reichlich Touristenverkehr zu rechnen. Touristen begehen natürlich Fahrfehler. Sie sind ortsunkundig. Trotzdem fahren die Touristen sehr oft zu leichtsinnig. Das kommt noch zu der Unkenntnis der örtlichen Gegebenheiten dazu. Die besondere Belastung wird oft noch gar nicht als Belastung angesehen. Da sind laufende Bildschirme, Handys und Kleincomputer in allen Varianten vom Verkehr ablenkende Fahrbegleiter. Keiner schaut mehr auf die Straße. Dazu kommen natürlich Kinder und Tiere in den Fahrzeugen, die zusätzliche Ablenkungen schaffen. Es besteht eine gewisse Aufsichtspflicht, die aktiv vom Verkehr ablenkt.

Der wesentlichste Unterschied zwischen Zweirad und Auto ist bedeutend zwingender. Auf dem Zweirad benötigen Sie alle menschlichen Sinne inklusive dem Sinn für das Gleichgewicht. Das Zweirad ist ein Fahrzeug, das mittels Balance bewegt wird.

Kollegen und Einheimische sind wegen des Verkehrs zu Spitzenzeiten einem besonderen Druck ausgesetzt. Der zeigt sich natürlich im besonders hektischem Verkehr und ist nicht ungefährlich. Fehler sind menschlich. Besonders unter Druck. Die gastgebende Bevölkerung eint ein großes Thema. Zeit und Zeitnot.

Dramatisch wird das in Saisonzeiten. In der Zeit trifft Zeitnot auf Entspannung, totale Ablenkung und Zeitüberschuss. Mit dem Zweirad besteht die Möglichkeit, unnötige Behinderungen und Staus zu umfahren. Einfach deswegen, weil Sie mit dem Zweirad erheblich weniger Platz benötigen.

Die Bewegung zur Arbeit und zurück findet bei Gastronomen vorwiegend im Dunkeln statt.

KhBeyer hat die dreißig Jahre Arbeit in Südtirol, Österreich, Schweiz und dem Trentino unfallfrei hinter sich gebracht. Auf dem Zweirad und eineinhalb Millionen gefahrener Kilometer. Mit mehr oder weniger PS. Wichtig zu wissen ist, je mehr PS, desto sicherer ist der Arbeitsweg. Aber wegen der PS ist das auch erheblich teurer. Kraft benötigt eben mehr Energie. Die ist und war hier niemals besonders günstig. Offensichtlich weiß man genau, wo man die Kassenhäuschen hinstellt. Der ohnehin hohe Preis für Kraftstoffe wird damit schon mal verdoppelt. Durch die Maut, wird die Bewegung praktisch vier Mal teurer als normal. Das sind sozusagen die ersten Schutzgelder, die Sie bezahlen, nur weil Sie arbeiten möchten um zu leben.

Sie haben zwei Möglichkeiten. Entweder fahren Sie täglich nach Hause, um ihre Frau und Familie zu sehen. Oder nicht. Sie können eine Woche, sechs Tage lang, auf ihrer Arbeitsstelle verbringen. Mit allen menschlichen Nebeneffekten, die Sie kennen. Sexuelle Notdurft, Ehebruch, Untreue, geistiger Verfall, Streit, Mangel an Privatleben und vieles mehr.

Arbeit, Duschen, Schlafen.

Früher nannte man das Sklaventum. Wobei Sklaven sicher erheblich freier waren.

Um diesem Leben zu entfliehen, bewegen Sie sich täglich nach Hause. Unpraktisch ist das nicht. Sie lernen den Verkehr in all seinen Formen richtig kennen. Vor allem den Verkehr in der Dunkelheit.

Gerade zu dieser Zeit bewegen sich sehr viele Leichtsinnige, Betrunkene und Menschen, die wie Sie, etwas frei sein möchten. Die pure Andeutung von Freiheit lässt sie mitunter spielerisch mit dem Gaspedal umgehen. Vor allem in den Pässen und in den Kurven.

Genau dieses Verhalten schult den Zweiradfahrer auf seinen Arbeitswegen.

Später, mit dem Fernseher auf dem Armaturenbrett der Autos, veränderte sich das Verhalten. Zusätzliche Zwänge und Bevormundungen in Form von Befehlen und Zeichen treten in den hektischen Verkehr.

„Jetzt müssen sie links abbiegen. Auf der rechten Seite befindet sich ihr Hotel.“ Und so weiter klingt es aus der Acht-Wege-Surround-Lautsprecheranlage der Geländeautos. Die Fahrer samt ihrer Beifahrer sind nicht mehr mit den Sinnen auf der Straße. Nicht mal mit dem Gehör. Scheinbar erwarten die schon zeitlebens den Himmel. Im Kapitalismus. Für neunzig Prozent der Bevölkerung wird das ein unerfüllter Traum.

Sie rechnen also als Arbeiter im Werksverkehr schon mit den dümmsten Aktionen und Reaktionen seitens der Besucher.

Die Einheimischen und ihren Fahrstil lernen Sie sehr schnell kennen. Der ist in etwa so wie Ihrer. Sie sind wie Sie, maßlos gequält durch Zwang und Zeitnot.

Selbstverständlich sind die Arbeitswege sehr früh und spät in der Nacht voller Gefahren. In Pässen gibt es reichlich Steinschläge und Muren. Dazu reichlich aus den Autos geschmissene Gegenstände der Naturliebhaber. Leergut, Verpackungen, ganze Verpflegungsbeutel und vom Buffet eingepackte Hähnchenkeulen und Schweinshaxen. Kürzlich bin ich über einen halben Hirschrücken gefahren. Der hätte mich beinahe zu Sturz gebracht. Das Fleisch war teilweise abgefressen. Eigentlich könnte man eine Anzeige erstatten. Die Gebissabdrücke verrieten drei fehlende Zähne. Mit einer Fahndung bei Zahnärzten könnten wir den Täter eindeutig identifizieren. Scheinbar geben die in Deutschland jetzt ihr Geld für Urlaub aus statt für den Zahnarzt. Oder warten die auf einen Unfall, bei dem sie die fehlenden Zähne dem Unfallgegner in die Schuhe schieben können.

An Sicherheitseinrichtungen wird auch in den Gastgeberländern und Regionen gespart. Echt gespart. Sie schaffen für die Region oder das Land samt ihren Vertretern in Parlamenten und Ämtern deren Einkommen mit. Unter Einsatz des Lebens. Was ist Ihnen und denen Ihr Leben wert? Die nehmen sich monatlich etwa Zwanzigtausend und Spesen. Sie bekommen Zweitausend minus Kosten. Für den Einsatz ihres Lebens.

Nachts ist ihr Gegenverkehr immer mit Aufblendlicht unterwegs. Einheimische zeigen sich so dem Gegenverkehr. Bei Kontakt blenden sie ab. Touristen und Besoffene nicht. Bei Nässe ist das besonders dramatisch. Vor allem mit einem Dutzend Zusatzscheinwerfer, ohne Spritzschutz und extra breiten Reifen. Beachten Sie, an manchen Stellen geht es leicht ein- oder zweihundert Meter nach Unten. Im freien Fall. Nicht selten fließen neben der Straße – Bäche und Flüsse.

Pro Arbeitsweg erhalten Sie mindestens zweimal den direkten Kontakt zum Himmel oder der Kiste. Je nachdem, wem Sie in Ihren Leben mehr gespendet haben. Pro Arbeitsweg ist dann im Kopf schon mal mindestens ein Krankenhausbesuch gebucht.

Mit dem Auto wäre der Weg wesentlich gefährlicher. Das Motorrad überlässt Ihnen etwas Platz für ein paar Ausweichmanöver mehr. Mit der entsprechenden Routine nach einer Saison können Sie bereits achtzig Prozent der drohenden Unfälle vermeiden. Bei Vorsatz oder Suff des Gegenfahrers zeigt der Gefahrenpegel massiv nach Oben. Kommt die Gefahr von Hinten, verdeckt oder irgendwie überraschend, sind Sie eindeutig der Verlierer. Das bezahlen Sie mit einem Sortiment gebrochener Knochen oder mehr, bis hin zum Rollstuhl. Wohlgemerkt; nur, weil Sie arbeiten möchten oder müssen.

Etwa neunzig Prozent der Sünder halten nicht an. Sie flüchten. Wir reden von einem gewissenlosen Rowdytum, das im Kapitalismus zur Gewohnheit geworden ist. Motorradfahrer schützen sich mit Kameras. Am besten, mit einem Sortiment bis hin zu versteckten Kameras.

Dabei bedarf es etwas Mathematik. Der Speicherplatz der Karten muss mindestens die Akkulaufzeit abdecken. Sie nehmen alles auf. Auch die Zeit nach dem Unfall oder Attentat ohne die wichtigen Aufnahmen zu verlieren. Wenn keiner die Kameras abstellt, werden Ihre Karten unweigerlich so lange aufnehmen, bis die Akkus leer sind. Diese Kapazität muss mit auf die Karte passen.

Wie Sie bemerken, besteht das höchste Risiko einen Unfall zu erleiden auf dem Arbeitsweg. Das niedrigste Risiko erwartet Sie in Ihrer Freizeit. Denken Sie.

In der Gastronomie haben wir aber wochentags frei. Die gesamte Freizeit einer Woche konzentriert sich auf diesen Tag.

Mit etwas Glück habe ich einen freien Tag mit meiner Frau. Stark eingeschränkt wird der freie Tag durch Behördengänge, Einkauf oder wichtige Arztbesuche. Der wirklich freie Tag reduziert sich auf einen Tag im Monat. Die restlichen freien Tage des Monats sind nur teilweise frei. Auch in Ihrer Freizeit werden Sie von Ihrem Umfeld und der Bürokratie gewaltig unter Zeitdruck gesetzt.

Jetzt steht die Frage des Wetters. Ist es geeignet für eine Motorradtour oder stehen wir mit den Touristen im Stau? Während ich bei jedem Wetter mit dem Motorrad zum Dienst am Kunden fahre, möchten wir zusammen einen ungestörten freien Tag verbringen. Die freien Tage sind trotz unserer Nähe zu den touristischen Höhepunkten der Region äußerst selten bis rar. Eine Tagesausfahrt ans Meer ist praktisch ausgeschlossen. Trotz der Nähe zu unserem Wohnort. Wir würden zu spät zurückkommen. Ausgerechnet dieser Umstand zwingt uns, unseren freien Tag da zu verbringen, wo sich ohnehin zu viele Touristen aufhalten. Die Saisonarbeit ist damit praktisch ein Leben im Dauerstau mit den entsprechenden Gefahren. Diesen Gefahren sind nicht einmal Profirennfahrer ausgesetzt. Genau darum behaupte ich, für den Verkehr unter diesen Bedingungen besonders geschult zu sein. Sowohl praktisch als auch theoretisch.

Auf vielen regelmäßigen Arbeitswegen treffe ich immer die gleichen Fahrer. Oft sind es Kollegen, die ich später auf einer der vielen Arbeitsplätze wieder treffe. Nicht nur Kollegen. Auch Pendler aus anderen Berufszweigen. Mitunter Handwerker oder Arbeiter diverser Dienste, die ebenfalls sehr früh oder spät unterwegs sind. Dabei wird mir schon bewusst, an einem Tag zwei Schichten arbeiten zu müssen.

Genau genommen, sind die Bedingungen für Arbeiter in diesen Regionen unsozial und nicht annehmbar. Sie zahlen nicht nur die Arbeitswege mit Ihrem Leben samt Gesundheit. Sie bauen mit dem Einsatz Ihrer Gesundheit und Ihres Lebens, anderen die Schlösser. Die letzten Sklaven, die das taten, nannten sich Gladiatoren.

Der Kochberuf ist heute noch eine Tätigkeit in schlechter Luft, bei hohen Temperaturen und völlig frei von Sonnen- und Tageslicht. Dazu ist es einer der gefährlichsten Berufe der Arbeitswelt mit den höchsten Stand an Arbeitsunfällen. Das inkludiert die Arbeitswege im geteilten Dienst. In den Touristenhochburgen ist man als Arbeitgeber offensichtlich nicht in der Lage, einen funktionierenden Schichtbetrieb zu organisieren. Die eigene Ausbeutung teilt man dann als Unternehmer gern mit der eigenen Familie und den Angestellten nebst deren Familien.

Zum Ausgleich sucht sich der Koch dann Möglichkeiten, Luft und Sonne zu erhaschen. Der Wunsch ist an sich berechtigt. Jeder Häftling bekommt mit der Hofrunde die Möglichkeit, mindestens eine Stunde täglich die Sonne zu sehen. Ihm würden sonst schon binnen zwei Jahren sämtliche Zähne ausfallen. Nicht nur das. Auch die Haare. Für Saisonköche besteht also nur eine Möglichkeit, Luft und Sonne zu bekommen. Auf dem Arbeitsweg oder in der Zimmerstunde. Falls er in den Genuss dieser Stunde kommt.

Mit ein wenig Rechenkenntnissen merkt der Leser sehr schnell den Zeitmangel für ausreichend Schlaf und notwendiger persönlicher Hygiene. Die Resultate sind selbsterklärend. Natürlich gibt es noch reichlich Behördengänge und Arztbesuche. Nur, um den Einkauf des täglichen Bedarfs nicht zu vergessen. Wegen des Zeitmangels ist der Koch eben gezwungen, auch diese Wege ausnahmslos mit dem Zweirad zu erledigen. Mit einem Auto wäre das nie schaffbar. Es sei denn, man könnte zaubern. Das hat aber nichts mit der sprichwörtlichen Zauberei am Kochtopf zu tun. Der ist eher dem Zeitdruck und fachlichem Können zu verdanken.

Als Koch auf dem Zweirad erleben Sie pro Tag etwa sechs bis zehn vorsätzlichen Provokationen von Autofahrern. Angefangen beim Abdrängen bis hin zu mittiger Fahrweise, die Ihnen das Überholen, trotz ausreichend Platz, unmöglich machen soll. In nicht wenigen Fällen sehen Sie als Motorradfahrer die Köpfe rot glühender Alkoholiker mit glasig – gelben Augen hinter dem Lenkrad. Sie werden dadurch zu allen möglichen akrobatischen Übungen gezwungen. Bei denen werden selbst gestandene Rennfahrer neidisch. Nicht selten erleiden Sie kleinere Blechschäden, Schäden an Ihren Sehnen und massenhaft blaue Flecke. Sollten Sie in dem Moment ein Bedürfnis verspüren, Sie würden das in Ihrer Hose wieder finden.

Im Gegenverkehr werden Sie das Gleiche vorfinden. Trotzdem die Fahrer bei uns links sitzen, haben die plötzlich das Bedürfnis, die Mitte der gesamten Fahrbahn links zu befahren. Weil Sie ein Motorradfahrer sind, der in allen Medien als Risiko freudiger Teufel und gewissenloser Strolch markiert wird. Im Grunde ist das die Begünstigung von Mordversuchen. Die, welche den Freiraum der Einheimischen bedingungslos zupflastern und betonieren für ein paar lausige Groschen, sind natürlich absolut frei von Schuld.

Sollten Sie das Ganze noch relativ gesund erleben, steht garantiert der Freund und Helfer mit Kameras und Blitzlichtern bereit, um ihr Einkommen nachhaltig zu schmälern. Offensichtlich arbeiten Sie als Einziger für sich, die Abstauber und Wegelagerer. Erwarten Sie ja keine Prozente von den Abstaubern. Deren Konsum landet garantiert nicht in Ihrem Portemonnaie.

Tagliche Gefahren

Als Chefkoch werden Sie täglich mit Drohungen konfrontiert. Von allen Seiten Ihrer Kontakte. Seitens Ihrer Kollegen wegen Problemen auf Arbeit. Seitens der Arbeitgeber. Seitens der Gäste. Meist im Konflikt mit Arbeitszeiten, Arbeitsaufgaben, Lohn, Hygiene und Sprachhindernissen. Die extreme nervliche Belastung gepaart mit den unendlichen Arbeitszeiten gibt dafür den Ausschlag. Auch sehr hohe Schulden seitens der Unternehmer und der damit verbundene Druck. Natürlich werden Drohungen ausgesprochen. Meist wenig bedrohliche. Eher beleidigende. Oft sogar lächelnd.

„In diesem Ort bekommst du keine Arbeit mehr.“

Das würde oft sogar der Wahrheit entsprechen. Ganze Orte werden von einer Familie dominiert. Mitunter greift die Dominanz auch auf Nachbarorte über. Im Fall von mehreren Familien spüren Sie schnell, die reden doch miteinander oder sie sind weitläufig verwandt untereinander. Wegen der Einwohnerzahl in Südtirol ist das kein Wunder. Bis auf Zugewanderte, sind letztendlich alle Südtiroler untereinander verwandt.

Bedeutend gefährlicher sind versteckte Drohungen. Oft auch indirekt ausgesprochene. Für Sie als angestellter Migrant sind die inneren Beziehungen der Familien weitgehend rätselhaft. Sie kennen die Abhängigkeiten nicht. Zeit, um die kennen zu lernen, haben Sie nicht. Garantiert nicht in 90-Stunden-Wochen zuzüglich der Arbeitswege. In Ihrer freien Zeit haben Sie selbst damit Probleme, ihre eigene Frau zu verstehen.

Um Sie herum dominiert die Einsamkeit. Freunde gibt es nicht. Sämtliche Freundlichkeiten sind geheuchelt. Wie bei den Gästen. Alle sind reine Handelsware mit einem Preis. Das haben Gäste und Angestellte gemeinsam. Jeder ist bemüht, seinen Preis auch zu behaupten. Das Umfeld wird unpersönlich und fast anonym. Die Rätsel sind der tägliche Begleiter auf Arbeit und zu Hause. Die Rätsel übernehmen das Kommando.

Ich lerne sehr schnell. Hilfe und Freundschaft zu suchen, ist zwecklos.

Verstärkt wird dieser Zustand durch bestimmte Gästekontakte. Die Nachlässigkeit in Bezug zu Sauberkeit und diverse Gemeinheiten der Gäste bis hin zu purer Frechheit in all ihren Ausdrucksformen, sind die Mühlsteine Ihres Charakters. Der verändert sich in Folge der Begebenheiten. Die machen zunehmend misstrauisch und damit einsamer. Sie werden zu einem Geist.

Ihnen wird meist erst später bewusst, wie das auf Sie wirkt. Zuerst bemerken Sie das mit Schuldzuweisungen in die falsche Richtung. Sie sehen Ihren Arbeitgeber oder andere Kollegen als Ursache der Bedrohungen. Breit gestreut. Fast schon in Form eines Generalverdachts. Der akute Zeitmangel verstärkt das Gefühl. Das permanente Misstrauen gewinnt. Aus fremder Sicht, werden Sie eigenartig. Menschenscheu. Trotzdem stellen Sie die Suche nach Menschen nicht ein. Leider gibt es in Ihrem Umfeld zu wenige. Bis auf ein paar Kollegen. Bei ihnen haben Sie die Möglichkeit, den Charakter genauer zu studieren.

Erst in den Saisonpausen haben Sie die Möglichkeit, in Ihrem Kopf – Ordnung zu schaffen. Leider haben Sie selten die Möglichkeit zusammen mit Ihrer Frau diese Verhältnisse zu besprechen. Und wenn sich Möglichkeiten bieten, gibt es sicher dringendere Probleme.

Frühere Begegnungen

Ich arbeite im Eggental. Nach Dienstende fahre ich nach Hause. Die Arbeit ist schwer.

Ein Kollege ist bei mir. Er ist der Abspüler. Gelegentlich hilft er mir beim Auftragen der Salate für das Salatbuffet. Streit gibt es mit ihm keinen. Im Gegenteil. Er will von mir lernen.

„Zu Hause bin ich auch Koch“, sagt er lachend zu mir.

„Warum bist du hier kein Koch?“

„Das ist hier schwierig“, gibt er lachend zu. „Ich habe es schon in mehreren Küchen probiert. Ich kann aber nur mit dem Bus fahren. Auto besitzen wir keins.“

„Du kannst doch mit einem Roller fahren.“

„Ich habe keinen Führerschein hier.“

„Leider kann ich dich nicht mitnehmen. Du bleibst doch immer eine Stunde länger als ich. Ich kann dir in der Spüle helfen. Dann wirst du eher fertig.“

„Lass mal. Das ist schon gut so. Ich habe auch noch andere Aufgaben hier.“

Hamid ist der Abspüler und der Hausmann in einer Person. Er kommt aus Pakistan. Die Nachbarn grüßen ihn freundlich. Alle drei Monate fliegt er nach Hause, um nach dem Rechten zu schauen.

Hamid hat eigentlich etwas Glück. Er darf für zwei Ehefrauen und drei Kinder sorgen. Die Familie zu Hause ist nicht einsam, wenn er hier arbeitet. Sie haben auch da reichlich Arbeit. Den Vorteil dieser Art von Familie lernte er recht schnell kennen. Seine zweite Frau und ihr Kind haben er und seine Frau adoptiert von einem verunglückten Kollegen. Die zweite Frau behält dadurch ihre Würde. Sie muss sich nicht prostituieren. Diese Art der Partnerschaft ist für Migranten von großem Vorteil. Der humane Sinn dieser Gesetzgebung wird sichtbar. Familiäre Partnerschaften werden gefördert. Opfer bitterer Umstände fallen nicht der Einsamkeit und Verzweiflung zum Opfer. Natürlich gibt es auch in vergleichbaren Beziehungen – Versuche, die zu missbrauchen. Das ist aber in den dörflichen Gemeinschaften weder die Regel noch geduldet.

Diesen Schutz genießen wir – hier in Europa nicht. Wir müssen uns an Institutionen wenden. Ob dort Ihre Umstände verstanden werden oder nicht, legen individuell – geprägte Bearbeiter fest. Fremde. In wieweit die sich mit Ihren Problemen befassen können und die verstehen, ist schon ein Lottospiel. Leben als Lottospiel in einer scheinbar entwickelten Gesellschaft. Ihre Helfer bei uns üben die Hilfe als Beruf aus. Sie kennen sicher den Unterschied von Gefühl und Beruf. Der Beruf bewahrt Sie weitgehend vor Mitleid. Dort siegt die Routine mit mehr oder weniger Perfektion.

Den Heimweg trete ich jeden Abend zur gleichen Zeit an. Pünktlich 21 Uhr putzen wir gemeinsam die Küche. Danach gehe ich in die zweite Etage. Dort bekam ich von den netten Wirtsleuten ein Personalzimmer zugeteilt. Hier konnte ich mich duschen und für die Heimfahrt umziehen. Bei schlechtem Wetter verbringe ich die Nächte in dem Zimmer.

Normal trinke ich vor dem Aufbruch noch einen Kaffee. Den halte ich mir vom Frühstück oder der Marende des Tages zurück. Der Kaffee ist notwendig. Die Abendausgabe des Menüs kann ziemlich anstrengend sein. Das macht etwas müde und schlapp. Andere Kollegen trinken ein Bier. Ich nicht, weil ich noch fahren will.

Auf dem Hof des Hotels gehe ich an einer Gruppe von Gästen vorbei. Natürlich in Schutzkleidung.

„Ah, ein Rennfahrer“, bekomme ich als Kommentar in bayrisch. Ich antworte in italienisch. Die Gäste sollen nicht merken, woher ich komme. Aus der besetzten, geplünderten DDR. Deswegen stehe ich hier als Arbeiter. Nicht als Urlauber.

„Buonasera!“

„Feierabend?“

„Si“

„In Südtirol herrscht Zweisprachigkeit.“

„Non capisco.“

Ich wollte mich mit diesen bayrischen Klugscheißern nicht anlegen und schon gar nicht unterhalten. Mir schien, als hätten die trotzdem meinen Akzent bemerkt. Am kommenden Tag werde ich das zu hören bekommen. Vielleicht hat das auch meine Chefin schon zum Besten gegeben, woher ich komme. Sie besitzt immerhin meine Bewerbungsunterlagen.

Eigentlich ist mir das nicht recht. Ich weiß von den Unternehmern, bei denen ich diene, nichts. Außer den offenkundigen Lügen, die ich im Laufe der Zeit bestätigt bekomme.

Um diese Zeit ist die Luft in den Tälern schön frisch und nicht zu trocken. Wegen des Flusses. Jedes Tal hat einen Fluss oder zumindest einen Bach.

Die frische Luft ist genau das, worauf ich den ganzen Tag gewartet habe. Das Sonnenlicht habe ich schon lange abgeschrieben. Das werde ich sicher erst als Rentner zu sehen bekommen. Ohne Zähne. Oder auch nicht. Spekulationen habe ich schon seit Langem eingestellt.

Auf der Heimfahrt fällt mir in einer Einfahrt ein wartender Motorradfahrer auf. Nachts grüße ich nicht mit der Hand. Mit dem Licht vielleicht. Nicht immer. Kaum passiere ich den Fahrer, fährt er los und folgt mir. Nach der Arbeit habe ich natürlich keine Lust, ein Rennen zu fahren oder Kurventechnik zu lernen. Schon tagsüber vermeide ich solche Provokationen und Aktionen.

Das Gleiche fiel uns schon auch im Auto auf. Wahrscheinlich gibt es in Südtirol – Fahrer, die unbedingt die Kraft ihrer teuer modifizierten Maschine mit der eines Passanten vergleichen oder messen wollen.

Woher weiß der Wartende, wann ich mit dem Motorrad komme? Woher weiß der, welchen Tag ich frei habe? Wartet der auch auf andere Motorradfahrer oder nur auf eine Gelegenheit, ein kleines Rennen zu fahren?

Das sind die Fragen, die mich etwas beschäftigen. Ich will kontrollieren, ob der mich nur heute durch Zufall trifft oder direkt auf mich wartet. Wo fährt der ab?

Ich kontrolliere das im Rückspiegel. Auf alle Fälle grüßt er mich nicht. Auch nicht bei der Abfahrt in Bozen.

Am kommenden Tag koche ich für ein paar späte Gäste. Hamid hilft mir. Ich helfe ihm beim Putzen. Normalerweise putzt Hamid den Küchenboden. Er ist der Letzte, der den Boden betritt. Er räumt Geschirr, Töpfe und Kellen in die Schränke ein.

Jetzt komme ich etwa dreißig Minuten später den Weg nach Bozen entlang. Der Verfolger wartet auf mich. Er folgt mir. Bei der nächsten Gelegenheit fahre ich auf einen freien Platz, um eine Pause einzulegen. Der Verfolger passiert mich. Ich rauche erst mal eine Zigarette, trinke einen Schluck Wasser und informiere meine Frau am Telefon über die Verspätung. Sie soll sich keine Sorgen machen. Nach etwa fünfzehn Minuten begebe ich mich auf den Heimweg. Und siehe da; der Verfolger wartet zwei Parkmulden später auf mich. Was soll das? Ich will den zur Rede stellen. Nichts. Sein Helm bleibt geschlossen. Ich frage mich gerade, warum ein Motorradfahrer abends oder nachts mit einem abgedunkelten Visier fährt. Jetzt weiß ich es.

Ist der ein Polizist? Will der mich bei einer Geschwindigkeitsübertretung ertappen?

Ich hatte bereits mehrere Kontakte mit Polizisten. Oft wegen lächerlicher Geschwindigkeitsübertretungen von zehn oder elf Stundenkilometern auf der Mebo. Die kosteten mich mitunter eintausend Euro. Ich kann als Koch nicht den Terminen von Ämtern nachkommen, weil ich zu deren Öffnungszeit arbeite.

Ich weigere mich, hinter Autos zu fahren, die voll gepackt mit dem Garageninhalt vor mir herum kurven. Vor allem hinter Autos mit Fahrradträgern am Heck und Gepäckboxen auf dem Dach. Beides durfte ich schon in Aktion erleben. Entweder löste sich ein Fahrrad oder der Dachgepäckträger sprang auf. Die Erfahrungen haben mich vorsichtig gemacht. Ich weiß das. Die Polizisten auch. Es gibt für mich jedenfalls keinen Grund, mich zusätzlichen Gefahren auszusetzen. Wer täglich mit dem Zweirad unterwegs ist, erlebt nahezu alle möglichen Pannen. Dazu kennt der Zweiradfahrer auch die Reaktionszeiten und die Möglichkeiten, zu reagieren sehr gut. Vor allem bei Nässe und Dunkelheit. In einem Auto fahren Sie darüber weg und beklagen den Schaden. Als Motorradfahrer sind Ihre Möglichkeiten erheblich eingeschränkter.

Sie sind der weiche Teil des Straßenverkehrs. Mit der Schutzbekleidung sind Sie zwar etwas härter als Hasen, Katzen und Rehe. Bei einem überraschenden Attentat von Hinten sieht das aber anders aus. Damit werden Sie zu einem Dummy.

Einen Unfall selbst sehen Sie kommen. Sie leiten Reaktionen ein. Je kürzer die Zeit, desto mangelhafter sind die Reaktionen. Zumal die Reaktionen sehr spekulativ sind. Schutzreaktionen.

Nach zwei Wochen der Verfolgung beginne ich im gleichen Tal eine andere Arbeit. Die Arbeitszeiten verändern sich erheblich. Mein Feierabend ist zwei Stunden später. Die Heimfahrt findet bereits in absoluter Dunkelheit statt. Ich habe bedeutend weniger Begegnungen mit Gegenverkehr. Es herrscht fast Ruhe.

Es gibt Ausnahmen. Wildwechsel und Touristenverkehr. Beide Verkehrsteilnehmer ähneln sich in ihrer Reaktion und in ihren Taten sehr. Sobald sie einen Lichtkegel oder Sie direkt wahrnehmen, verfallen sie in hektische Reaktionen. Der Raumbedarf des jeweiligen Fahrzeuges ist dann auch entscheidend für die Reaktion. Die ist in neunzig Prozent der Begegnungen falsch. Jetzt treffen zwei Reaktionszeiten aufeinander. Die des Zweiradfahrers und die des Autofahrers. Autofahrer sitzen in einem Sessel vor dem Lenkrad. Motorradfahrer sitzen wie ein Reiter locker auf dem Rücken einer Maschine. Sie reagieren deswegen bedeutend schneller als der Sesselfurzer. Unabhängig davon, wie geübt die jeweiligen Fahrer mit ihrem Fahrzeug umgehen können. Seien wir ehrlich. Nicht einmal zehn Prozent der Fahrer beherrscht das Auto, das sie vorgeben zu fahren. Dazu müssen wir den Inhalt des Fahrzeuges berücksichtigen. Je mehr Personen und Technik sich in dem Fahrzeug befinden, desto verheerender fällt die Reaktion aus. Motorradfahrer spüren das besonders dramatisch.

Wesentlich schlimmer sieht das unter Alkoholeinfluss bei den Autofahrern aus. Deren Handeln wirkt wie ferngesteuert. Sie selbst scheinen ihre Handlungen nicht zu kontrollieren.

Unter Vorsatz liegen andere Ursachen des Denkens der Täter vor. Davon kann ich ein Lied singen.

Das Auto, welches sie fahren, bedarf einer Reparatur, einer neuen Karosserie oder Farbe wegen alter Schäden und Gebrauchtspuren. Die Kosten dafür sind höher als ein neues gebrauchtes Auto. Mitunter wird ein deutlicher Kratzer oder eine Delle im Rahmen von einem Versicherungsbetrug eingeplant. Man wartet auf einen Fahrer, den man mit extrem langsamer Fahrweise zum Überholen provoziert. Mitunter wird ihm der Überholvorgang mit Kurvenbewegungen und behindernden Handlungen erschwert. Damit sollen Unfälle nahezu provoziert werden. Der folgende Rollstuhl für den Zweiradfahrer wird dabei locker eingeplant oder akzeptiert. Ziel der Verbrecher ist, eine Schadensteilung zu erzwingen, um anstehende Reparaturkosten bezahlen zu können. Die Verbrecher werden von beiden Geschlechtern gestellt.

Mitunter drücken auch die Raten des Fahrzeuges die Haushaltskasse zu sehr. Man hat sich bei den monatlichen Raten schwer verrechnet. In dem Fall muss ein Totalschaden her. Das erzwingt auch unbedingt den Totalschaden des Motorradfahrers. Vorsätzlicher Mord oder schwerste Körperverletzung sind dabei reinste Nebensachen.

Eine Begegnung fand auf der Mebo statt. Ein recht betagter Mercedes S benötigte dringend einer Farbauffrischung. Der Säufer am Lenker hat die Rücklagen dafür in die nächste Bar getragen und seiner Leber gegönnt. Vielleicht liegen die Rücklagen auch in den Automaten der beliebten Bar oder der Tabaktrafik. Wir reden von Typen, die weder eine Bar noch einen Automaten unberührt passieren können. Die jedes Lotto des Landes kennen.

Unter neunzig Stundenkilometern darf man auf mehrspurigen Straßen den Schläfer – auch rechts passieren. Genau das provozieren diese Gestalten. Das hat sich zum Volkssport bei Trägern von Kleinstgenitalien und reichlich Schuldlasten entwickelt. Die Angeberei macht der Notdurft Platz.

Das ist nicht nur Angeberei. In nahezu jedem dieser Kreaturen fährt der Mordgedanke mit. Entweder in Folge von Frust, Neid oder im Zusammenhang mit gescheiterten Vorhaben.

Die Hauptursache möchte ich nicht verschweigen. Suff. In kaum einer Region habe ich so viele Säufer und Alkoholiker hinter dem Steuer gesehen und gespürt wie in den Alpenregionen. Nicht nur bei den Einheimischen. Auch bei den Touristen. Genau das ist die Erkenntnis aus unserem Beruf, der Gastronomie.

Der hemmungslose Suff wird nur durch ein Instrument etwas gelähmt. Es ist der Preis der Getränke in der Gastronomie. Umgangen wird das mit einem hemmungslosen Verzehr auf den Zimmern. Sozusagen, die heimliche Bedienung der Alkoholsucht. Genau dort liegt auch die besondere Gefahr. Die Heimtücke und Unkontrollierbarkeit. Allgemein verteilen Säufer ihren Konsum über den gesamten Tag. In der Schule nannten wird den Spiegeltrinker. Die Unauffälligkeit ist der Auslöser der besonderen Gefahr. Der Konsum wird unüberschaubar für den Trinker.

Mit ein, zwei, drei schweren Remplern seitens des Mercedesfahrers ist die Lust scheinbar befriedigt. Der Motorradfahrer hat inzwischen Übung beim Ausbalancieren dieser Begegnungen. Der Attentäter hat bewiesen, seine Ausgabe von hundert Tausend und mehr für das Gefährt bestätigt seine Überlegenheit und den Rang in der Gesellschaft. Im Fall eines Sturzes hätte er sich sich mit voll geschissenen Hosen der Fahrerflucht hingegeben. Nur, um dem kommenden Alkoholtest zu entgehen. Zur Not hätte man versucht, mit etwas Geld nach zu helfen. Vielleicht auch mit vielen besänftigenden Worten leicht nach Unten gesprochen. Eigentlich würde dem Polizist der Blick in die gelben Augen und die ädrig unterlaufenen Wangen reichen. Vielleicht reicht auch ein Blick in das aufgedunsene Gesicht mit den ausweichenden, glasigen Augen.

Trotzdem hat der meine Motorrad – Verkleidung beschädigt. Die ist teuer. Leider kann ich mir die dreckige Nummer nicht merken. Ich könnte den sonst ausfindig machen.

Schon eine Woche später geht es nach Oberbozen zur Arbeit. Dort wäre angeblich das Domizil der gehobenen Beamtenklasse. So gehoben ist die nicht. Zumindest, was das Autofahren angeht.

Freitag Nachmittag verabschiedet man sich für das lange Wochenende aus dem Amt. Mit glasigen Augen und einem Leberwert, der in der Müllveredlung eine gewisse Bewunderung hervorrufen würde. Ich meine, bei der Umwandlung von Umweltgift in halbwegs nützliche Zwischenprodukte.

Ich fahre also zum Dienst und vor mir eine Frau in Wellenlinie. Sie wurde langsamer und zog nach rechts. Auf die Art wird allgemein suggeriert, „überhole mich bitte.“ Ich tat das mit Blinkzeichen. Jetzt zieht die Schlampe plötzlich nach links ab. Ich reagiere und fahre mit Mühe die gleiche Richtung wie die Betrunkene. Bis zum Bordstein – links. Dort halte ich an. Die Schlampe fährt weiter. Dort befindet sich eine Einfahrt. Sie hätte mit blinken und sich mit dem Absetzen nach Links zeigen können, was sie vor hat. Das ist der Bestandteil jeder Fahrausbildung. In Oberbozen offensichtlich nicht. Den Blinker hat die Schlampe erst gesetzt, als wir standen.

Plötzlich kommt aus dem Gebüsch ein Mann gerannt. „Ich bin Zeuge. Ich habe gesehen, was sie getan haben.“

„Rufen wir die Polizei. Ich muss mich eh auf Arbeit entschuldigen. Man wartet auf mich.“

Tatsächlich kommt ein Polizist. Nach einigen heimlichen Worten und Gesten, die ich nicht hören und sehen darf, kommt der Ortspolizist zu mir.

„Ich möchte einen Alkoholtest von mir und der Fahrerin“, bitte ich den Polizist. „Rufen sie bitte noch diese Nummer und entschuldigen sie mich auf meiner Arbeitsstelle.“

Dort hatte ich bereits angerufen. Der Polizist sollte das nur bestätigen. Nicht dass mir der Wirt einen Vertragsbruch vorwirft.

Plötzlich stellt sich heraus, das Auto der Frau hat einen kleinen Schaden. Sicher nicht von mir, wie sich später heraus stellte. Trotzdem hat mir meine Versicherung die halbe Last des Schadens auferlegt.

Ein Alkoholtest wurde nur bei mir vorgenommen. Witzig. Saufen die gemeinsam den Schlummertrunk im Weinkeller der Schlampe?

Der kommende freie Tag muss der Versicherung geopfert werden. Auch der Werkstatt – wegen der Verkleidung. Eigentlich wäre noch eine ärztliche Behandlung notwendig. Die Verhinderung des Sturzes hat auch ein paar Sehnen zu stark belastet. Dank der schweren Schutzkleidung konnte aber schlimmeres verhindert werden. Ein Motorrad wie ein Zweirad besteht auch aus Pedalen, heißen und kantigen Bauteilen. Angefangen bei Motor und Auspuff. Sobald Sie mit den Beinen unkontrolliert des Motorrad sichern müssen, schlagen Ihnen die Pedalen die Schien- und Wadenbeine kaputt. Nicht zu vergessen die baulichen und natürlichen Hindernisse auf den Straßen und Wegen. Helm, Stiefel und Handschuhe sind das Mindeste an Schutz, den Sie benötigen. Das verträgt sich nicht unbedingt mit Verkehrsteilnehmern, die nur sechzig Prozent ihrer Sinne benötigen um zu fahren. Und selbst diese Sinne werden noch erheblich belastet mit unnötigem Kram. Genau das führt zu leichtsinnigen Handlungen.

Das Schlimmste aber ist, im Auto sitzen fast immer mehrere Personen. Zeugen gegen Sie als Zweiradfahrer. Das Verbrechen und der Leichtsinn bekommt auch noch eine Deckung.

Schlimmer hingegen trifft es mich in Lana. Vorm Kreisverkehr am Buswendeplatz ist immer ein Stau samt Hochbetrieb. Neben der Einfahrt zum Einkaufcenter vom Aamort gibt es sowohl eine Bushaltestelle, eine Tankstelle und reichlich Fußgängerüberwege. An der Ausfahrt vom Einkaufcenter stehen wir. Ich mit dem Motorrad neben einem Audischrotthaufen. Der brauchte dringend eine Reparatur.. Offensichtlich hat der das Teil auf dem Schrottplatz abgeholt. Was macht dieser Strolch? Sobald die Einfahrt zum Einkaufszentrum frei wird, zieht dieser Verbrecher links ab. Linker Hand ist weder eine Einfahrt noch ein Weg. Dafür aber ein Bordstein, der einen halben Meter hoch ist. Eine freundliche Passantin sagt mir, sie sei Zeuge davon und könnte für mich aussagen. Leider habe ich das liebe Angebot nicht angenommen. Wieder eine Teilung der Schuld.

Irgendwann muss er doch klüger werden. Wann ist die Frage.

Beleidigend sind die Wege. Zuerst die Versicherung. Dann unser Maresciallo im Ort.

Zwischendurch muss er zum Arzt. Die Zeit vergeht, kein Resultat.

Ein Form der Realität holt mich ein. Pandemie. Wir dürfen das Haus nur mit Maske verlassen. Die Radsportler offensichtlich nicht. Plötzlich ist Südtirol voll mit Radsportlern. Nahezu jeder Radfahrer trägt jetzt ein Trikot samt dreihundert Euro teurer Sportbrille. Das scheint der Freifahrtschein zu sein. Schutzgeld. Das scheint kompletter zu sein mit Radfahrerschuhen. Mit den speziellen für die Profipedalen. Vielleicht kann man das mit Handschuhen ergänzen. Die mit den frei gelassenen Fingerspitzen. Bekanntlich frieren die zuerst. In Form von Schutzgeld wird darüber hinweg geschaut. Die heimlichen Zeichen wirken.

Zunächst dürfen wir nur im Ortsgebiet fahren. Ich frage mich, wie lang die Strecke zwischen Töll und Rabland ist und wie viele Mal man dort hin und her kreisen muss für fünfzig Kilometer.

Mit dem Motorrad darf ich dort nicht fahren. Also, fahre ich eine Partschins-Rabland-Runde. Die ist sogar recht anspruchsvoll. Trotzdem reicht das Training nicht aus.

Arbeiter mit Impfung dürfen alles. Ich nicht. KZ für Gesunde. Keiner zahlt die Fahrzeugsteuern zurück. Keiner die Versicherung. Trotz Fahrverbot für ein Jahr. Organisierter Diebstahl? Oh doch. Es gab eine Abfindung. Die Freiheit ließ lange auf sich warten. Nicht kostenlos. Radfahrer durften die Ostgrenzen verlassen. Komisch. Motorradfahrer nicht. Elektromotorradfahrer schon. Etwas anderes als ein Fahrrad mit Elektromotor ist ein Motorrad nicht. Die durften sogar nackt fahren ohne Maske, Schutzkleidung und Helm.

Endlich die Freiheit nach einem Jahr. Die Straßen sahen aus wie Feldwege. Total verdreckt, ungepflegt und voller Schutt. Das niedere Volk wurde eingesperrt und keiner machte sauber. Das höhere Volk wurde täglich auf Arbeit getestet. Das niedere Volk musste dafür den Ort wechseln. Und das war verboten. Die Diktatur liegt im Detail. Nicht in den laut und falsch vorgetragenen Worten und Pressemitteilungen.

„Sie haben die Verkündung des Landeshauptmannes falsch verstanden“, sagt mir ein Polizist aus Tissian beim Kassieren einer Strafe von 480.-Euro für das verlassen des Ortsgebietes. Im gleichen Moment fahren vier Radfahrer an uns vorbei.

„Das sind auch Radfahrer! Die fahren nicht auf Arbeit!“

Keine Reaktion.

„Die haben weder eine Maske, Handschuhe, einen Helm und eine Motorradkombi als Vollschutz an. Die sind nackt und können jeden Passanten anstecken. Auch sie. Ich rede noch nicht von Spucken, Niessen, Husten, Schweiß und Berührungen.“

Aus dieser Strafe wurden eintausend Euro. Auf ein Amt in Bozen durfte ich damit auch nicht.

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Nach der Einzelhaft zu Hause habe ich eine Ausfahrt unternommen. Um die totale Ruhe und die Luft zu genießen. Auf dem Weg zum Giaupass kam ich in Berührung mit der Schlamperei der vergangenen Zeit. Die Bauarbeiter und deren Lieferanten benahmen sich wie Schweine. Auf allen Straßen waren Betonspuren zu sehen. Ich dachte, es herrscht Pandemie. Offensichtlich diente die Pandemie der baulichen Erholung diverser Ferieneinrichtungen. Komisch. Wir wurden raus geschmissen wegen der Nichtimpfung. Die bauten trotzdem. Von denen wurde auch keiner krank. Im Gegenteil. Man sparte Lohnzahlungen, die sofort verbaut wurden.

Auf solch einer Betonspur in der Kurve bei Arabba rutsche mir leider der Hinterreifen weg. Ich musste deutschen Touristen ausweichen, die mir auf meiner Spur entgegen kamen. Die haben sich sofort aus dem Staub gemacht. Fahrerflucht. Beim Abfangen des Motorrad durchschlug die Pedale mein Waden- und Schienbein. Zum Glück halfen mir italienische Landsleute, die selbst auf dem Weg zum Giau waren. Ich wollte aufstehen. Mein linker Fuß zeigte aber in eine andere Richtung, als ich gehen wollte. Das Bein war komplett durch gebrochen.

Ein Hubschrauber brachte mich ins Krankenhaus nach Bruneck. Dort bekam ich eine Titanhülse für das Schienbein. Das Wadenbein heilte von allein. Ärzte, Schwestern und Helfer bemühten sich erstklassig und liebevoll um mein Wohlergehen.

Das Attentat

Ein Jahr später konnte ich erstmals wieder ein Motorrad besteigen. Mit kleinen Runden und diversen Übungen gelang es mir, auch etwas größere Rundfahrten anzugehen.

Zwischenzeitlich widmete ich mich meiner Literatur, dem Bloggen und Bücher schreiben.

Meine antifaschistische, sozialistische Erziehung in der DDR stellt in meiner Literatur das Hauptthema. Das gefällt einigen nicht. Ich bekomme von Gegnern meiner Gesinnung offene und verdeckte Drohungen. Hauptsächlich von Faschisten, die aus der DDR flüchteten oder frei gekauft wurden. Angeblich wäre man gut vernetzt. Auch in Italien. Heil!

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Anfangs nimmt das keiner so richtig ernst. Zumal jeder weiß, die Drohungen werden selbst mit Bildschirmfotos und Ausdrucken nicht als Anzeige angenommen. Im System – Kapitalismus schon recht nicht. Drohungen, auch verdeckte, sind der feste Bestandteil des Systems. Anzeigen werden wegen Beweismangel freundlich abgelehnt.

Das Attentat

Bevor ich wieder große Runden fahren kann, nehme ich mir kleinere Etappen vor. Zuerst besuche ich befreundete Imbissbetriebe in der nähe. Einer von denen ist der Kiosko in Dermulo. Schräg gegenüber vom Kiosko befindet ich eine Tankstelle und direkt gegenüber eine Parkmulde. Bei jedem Besuch im Kiosko fällt mir auf, dort steht ein SUV, der von der Farbe her dem der Carabinieri ähnlich sieht.

„Werdet ihr beobachtet?“, frage ich Glaudio.

„Carabinieri sind das keine“, antwortet mir Daniela, die Chefin.

„Warum beobachtet der euch?“

„Uns scheint der nicht zu beobachten.“

„Naja. Dann seid ihr ja wenigstens vor Einbrechern geschützt.“

„Der verschwindet auch mit uns am Feierabend.“

Für Motorradfahrer ist die Einfahrt in den Verkehr in Richtung Gles nicht schwer. Allgemein staut es dort etwas. Wenn aus Richtung Gles nichts kommt, ist es einfach. Der Zweiradfahrer benutzt die freie Gegenspur und kann sich locker in den Verkehr einordnen. Reißverschlussverfahren. Unsere italienischen Fahrer lassen dafür genug Platz und erleichtern so das flüssige Fahren. Die Straße dort ist breit genug. Viele Italiener fahren dann weit rechts mit dem Auto. Motorradfahrer können leider nicht so weit rechts fahren. Wegen Kies und anderen Dingen, die gern auf Straßen liegen. Eigentlich orientieren sich Motorradfahrer mittig. Sie werden von allen Verkehrsteilnehmern besser gesehen.

Auf der Straße herrscht im Allgemeinen außer bei Einfahrten, Überholverbot. Die Straße verläuft kurvig. Als Motorradfahrer können Sie trotz des Verbotes überholen, wenn Sie in der Spur bleiben und kein Gegenverkehr vorhanden ist. Für Autofahrer ist der Überholweg zu kurz. Sie landen grundsätzlich im Überholverbot. Leute aus der Gegend wissen das. Sie kennen auch den Verkehr dort. Es ist also schon sehr verwunderlich, dass dort ein einheimischer Rentner die wilde Sau spielt. Der Attentäter, Eugenio Gaiardelli, ist nämlich drei Jahre älter als ich. Leider ist der nicht erwachsener. Daraus leitet sich auch der Vorsatz ab.

Nun stand ich mit meinem Motorrad natürlich auf der linken Seite des Parkplatzes bei Glaudio. Rechts fahren gern die Autos hin. Meine Targa zeigt also in die Richtung des Eugenio. Der liest die aus. Auch, wenn ich den freien Parkplatz für Zweiradfahrer bei Glaudio nutze. Offensichtlich hat der meine Nummer schon eher ausgelesen. So oft, wie der dort stand.

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Erst nach dem Attentat begriff ich, die Beobachtung galt mir. Die Frage quälte mich, wer diesem Strolch den Auftrag gab. Vielleicht war es auch eine Art – Eigeninitiative gegen rasende Motorradfahrer? Sozusagen, Polizei und Richter in einer Person. Allein das wäre eine Anmaßung, die ihres Gleichen sucht.

Nach dem Kaffee und etwas Unterhaltung bei Glaudio und Daniela verabschiedete ich mich zur Heimfahrt. Wie immer an Feiertagen, staute sich der Verkehr in Richtung Gles. Die meisten italienischen Besucher möchten nach Male und Madonna di Campiglio. Feiertage werden in Italien mit einem Tages- oder Wochenendausflug verknüpft. Die Leute sind locker und fröhlich. Keiner drängt.

Zweiradfahrer hingegen können nicht unbedingt in solchen Staus fahren. Fremde neigen etwas zu schreckhaften Handlungen. Eine recht zügige Anfahrt von einer Seitenstraße reicht, um eine Vollbremsung auszulösen. Für Zweiradfahrer ist das recht dramatisch und erfordert reichlich Glück. Sobald sich auf der Straße – Sand, Verpackungsreste, Kies oder Flüssigkeiten befinden, geht dem Zweiradfahrer das Vorderrad weg. Die Stürze sind unglaublich teuer. Aus dem Grund, fahren Zweiradfahrer in Straßenmitte. Dort haben wir den meisten Überblick. Autofahrer lassen meist von sich aus etwas Platz, wenn das die Straßenverhältnisse hergeben. Meist genügt das Licht des Zweiradfahrers im Rückspiegel des Autofahrers.

Genau so ergab sich die Situation vor der Kurve in Richtung – Abzweigung Gles oder oberes Nonstal. An diesem Abzweig befinden sich mehrere gastronomische Einrichtungen. Das führt allgemein zu reichlich Stau dort. Vorsicht ist also angebracht an dem Ort. Immerhin befindet sich dort auch ein Bahnhof der Regionalbahn.

Allgemein ist es für Zweiradfahrer üblich und erlaubt, stehenden Verkehr langsam zu passieren. Ein Motorrad hat den Vorteil der akustischen Auffälligkeit. Meine Maschine nicht so sehr. Bei etwas mehr Gas allerdings schon. Generell kann ein Motorradfahrer recht zügig den stehenden Verkehr passieren. Wobei ich immer zwischen jeden Fahrzeug eine kleine Pause einlege. Nur, um zu beobachten, ob Gegenverkehr sichtbar ist. Meine Maschine benötigt drei Sekunden von Null bis Hundert.

Immerhin komme ich aus dem Vinschgau. Der Vinschgau wird praktisch von einem Dauerstau gequält. Das schafft schon etwas Routine beim Bewältigen des Staus. Ich hasse den robusten Einsatz von Glück im Straßenverkehr und bin eher von der vorsichtigen Fraktion. Das Bedrängen von anderen Fahrern ist mir zuwider. Ansonsten ergäbe das beim täglichen Befahren des Vinschgau mehrmals die Möglichkeit, das Leben oder die Gesundheit zu verlieren. In dem Sinne, schockiert mich eigentlich sehr wenig. Man denkt, nahezu alle Reaktionen der anderen zu kennen. Böswilligkeit inkludiert. Davon gibt es auch im Vinschgau reichlich. Meine Aufgabe ist nicht, die Ursachen zu erforschen. Ich würde die im gesellschaftlichen System suchen. Der tägliche Stau ist ein Zeichen für restlos fehlgeleitete Politik und damit verbundene falsche Reaktionen. Leider trifft es eben gerade jene Menschen, die den gesellschaftlichen Wohlstand erarbeiten. Wer eine Monatskarte für den öffentlichen Verkehr teurer verkauft als zwei Tankfüllungen, rechnet falsch.

Noch vor der Kurve und dem Ortseingangsschild, passiere ich den letzten LKW. Der freien Sicht halber. Gerade dort kann es sehr hektisch sein. Ich bin optisch gern auf das vorbereitet, was mich erwartet.

Wie direkt aus der Hölle kommt ein SUV an meine linke Seite. Ich gebe etwas nach und ziehe rechts an. Normal passen wir drei Spuren sicher nebeneinander. Dem Attentäter war das nicht sicher genug. Er zieht aggressiv weiter nach rechts. Einmal. Zweimal und das mit schwerer Berührung. Die schwere Berührung kann ich gut ausgleichen. Ich blicke auf seinen Innenspiegel. Der Strolch nimmt Maß. Bewusst. Zielgerichtet. Er zieht noch weiter nach rechts. Damit fährt der gewissenlose Strolch mit dem rechten Rad schon auf dem Betonrinnstein der Straße. Neben mir spüre ich bereits den Basaltabschluss der Straße. Ab der Grenze beginnt bereits der Bahndamm. Schilder werden sichtbar. Ein Schild mit Betonfuß taucht vor mir auf.

‚Dort ran. Das ist dein letzter Atemzug‘, denke ich mir. Ich schaue noch einmal zu dem Innenspiegel des Strolches. Der scheint entschlossen in seinem Hass und zieht noch einmal rechts an. Sehr schwer. Er bricht mir die Schulter, sechs Rippen, das Schlüsselbein und das Schulterblatt. Seine Radnabe reißt am Stiefel des bereits gebrochenen Beines, das ich langsam wieder an das Motorrad fahren gewöhnen möchte. Ich komme jetzt mit dem Reifen auf den Basaltrinnstein. Ende. Der Lenker reißt mir fast den Arm aus. Irgendetwas scheint nachgeben zu wollen. Krach. Das gewissenlose Schwein sieht das und haut ab. Fahrerflucht nach einem Attentat. Ein Mörder versucht, sich nach der Tat zu verpissen. Alle haben ihn gesehen. Selbst der Gegenverkehr muss hart bremsen wegen diesem Strolch. Keiner in der Autoschlange nach mir musste wegen meines Sturzes eine Notbremsung einleiten. Der gewissenlose Attentäter wollte mich umbringen. Die Stelle war wie geeignet dafür.

Im Liegen sehe ich die italienischen Freunde das Telefon greifen und den Notruf absetzen. Offensichtlich haben sie auch die Nummer des Attentäters an der erkannt. Der wurde gleich verfolgt von der Polizei oder den Carabinieri.

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Es dauert keine fünfzehn Minuten und ein Hubschrauber kreist über meinen Kopf. Das zweite Mal in meinem italienischen Leben. Ich werde auf eine Trage geschnallt, an einen Haken befestigt und ab geht die Reise in den Himmel. Natürlich lebend bei Bewusstsein. Eine Betäubung war nicht nötig, sagt der Unfallarzt. Es waren nur die Schulter, die Rippen und das Schlüsselbein gebrochen. Das erfuhr ich erst im Krankenhaus.

Der schöne Flug dauerte nicht lange. Wir landeten im Santa Chiara in Trient. Ein riesengroßer Komplex.

Die feste Verschnürung wurde mir langsam zu einer Art Fessel. Sie drückte gewaltig. Die Brüche fingen an, sich bemerkbar zu machen. Die Blase drückte und vielleicht auch der Schreckstuhl. Es gab keine Möglichkeit, sich auch nur zwei Zentimeter zu bewegen. Kein Drehen, kein Bein anziehen, kein Arm beugen – nichts. Zwangsfessel. Dreißig Minuten vergehen. Ich rufe, Ich winsele etwas um Eindruck zu provozieren. Letztendlich rufe ich etwas lauter. Nichts. Warum ist hier niemand? Sind die zu Mittag oder zum Kaffee? Langsam steigert sich die Qual. Ein beißender Schmerz macht sich bemerkbar. Begleitet von einem Jucken, einem quälenden Jucken. Ich kann nicht kratzen. Folter. Schwere Folter. Schwerste Folter. Anders kann ich mir körperliche Folter nicht vorstellen. Ich werde lauter. Ich rufe laut. Der Kampf um Aufmerksamkeit beginnt. Mir bleibt nur schreien. Nichts anderes. Gebündelt wie ein Rollschinken ohne jeden Bewegungsmöglichkeit. Fehlt nur noch Pökelsalz.

‚Eine Betäubung wäre vielleicht angebracht‘, dachte ich mir. Inzwischen schmerzt mir jeder Knochen. Ich habe Durst. Die Blase drückt.

„Ich scheiß hier her!“, rufe ich laut. „Sto cagando qui!“ Mir fiel ein, was mir ein italienischer Kollege auf einer Alm zu Mittag im Stress zu rief. Unendlicher Schmerz scheint das tiefe Erinnerungsvermögen zu wecken. Jetzt weiß ich, was extrem lange, intensive Folter bezweckt. In mir entsteht der Eindruck, diverse Beschäftigte des Bereiches hätten Erfahrung darin.

Ich werde erhört. Das Italienisch hat geholfen. Auf mein deutsches Fluchen hätte keiner reagiert. Die Erfahrung beschäftigt mich. Ein Teil meiner zukünftige Freizeit soll dieser schönen Sprache und dem lieben Volk gewidmet werden. Gemeinsamkeiten mit dem Leben und Umgang in der DDR zeigen sich mir.

Korr180926

Im Krankenhaus

Ein Garten der Liebe von wahrhaften Engeln

Plötzlich und unerwartet, verwandelt sich die harte Qual in eine scheinbar fürsorgliche Anteilnahme. Wie nach einem Filmriss, scheint irgendjemand vom Quälen auf Streicheln umzuschalten.

Im Krankenhaus werden Schwestern der ganzen Welt ausgebildet. Täglich werde ich von den schönsten und liebevollsten Engeln der Welt versorgt. Jeder schwer Verletzte in den Ländern aus denen diese Engel kommen wird in dem bemitleidenswerten Zustand, in dem er sich befindet, von reinen Engeln geküsst und gestreichelt. Es gibt keinen einzigen Moment der Scham. Ich lasse mit mir alles tun, was diese lieben Geister auch wollen. Ohne Widerspruch, völlig betäubt. In einem Zustand der Hilflosigkeit. Befreit von allem Schmerz. Seit dem Eintritt in diese Liebespforte ist jeder Schmerz verflogen. Selbst die Sprache der Engel um mich herum, ist nicht meine Muttersprache. Aber eine von den geliebten, mir vertrauten Sprachen.

Von dieser Sprache beherrsche ich nur die Worte im Zusammenhang mit Speisen und Lebensmitteln. Mit wenigen Ausnahmen auch ein paar Worte der Produktion und Arbeit in Küchen. Zu viel mehr reicht es nicht. Mein Leben besteht nur aus Arbeit. Arbeit mit Lebensmitteln und Kollegen anderer Nationen. Praktisch aus einer Umgebung reiner gebündelter Oberflächlichkeit, ohne menschlicher Wärme. Gastronomie. Das Reich der Lügen. So scheint es. Gastronomie ist Handwerk und Handel in einem. Sofern es sich um die kapitalistische Art des Handels handelt, ist das natürlich durchdrungen von Lüge und Betrug. Von allen Seiten. Keiner kontrolliert das substantiell.

Ganz anders der Vergleich in diesen Hallen. Sofern es sich um den persönlichen Kontakt handelt. Der ist frei von Geschäftigkeit und Betrug. Dieser Kontakt kommt jungfräulich von vielen Herzen.

Korr200926

Ich stelle fest, die Schwester in Ausbildung zeigen das größte Herz. Nicht etwa nur unsere italienischen. Nein. Ausgerechnet jene Schwestern aus Ländern, von denen wir das nie erwarten würden. Was mich besonders überrascht ist, in diesem Beruf die schönsten Vertreter des weiblichen Geschlechts zu finden. Es gibt also doch Perspektiven – außer im Puff, in der Pornoindustrie oder als Nacktmodell zu arbeiten.

Ich habe wirklich das Gefühl, die Schwestern leiden mit mir und vermeiden konsequent, mir Schmerzen zuzufügen. Jede Berührung meines Körpers ist eher mit streicheln zu beschreiben. Bei einer Ganzkörperwäsche weckt die Reinigung meines Genitalbereiches tatsächlich mein Lebensgefühl. Ich versuche das zu verbergen. Aus Scham. Die orientalische Schwester scheint das besonders glücklich zu machen. Es bereitet mir fast schon krampfhaft Schwierigkeiten, den Schweiß nicht mit Sperma anzureichern. Gerade diesen Bereich scheint die Schwester besonders fürsorglich bis intensiv reinigen zu wollen. Das scheint mir bei der Heilung allemal hilfreicher als das übergroße Holzkreuz an der Wand zu sein. Die Schwester scheint meine Reaktion zu amüsieren. Sie fragt mich in Italienisch, ob mir das gut tut.

„Io poco parle italiano.“

Was tut sie? Sie holt ein Telefon aus der Schürze und fragt mich tatsächlich mit dem Übersetzer. Ich tippe ihr ein, mein Telefon ist leider nicht geladen. Ich würde den Übersetzer auch gern benutzen. Immerhin liegen im Zimmer noch fünf italienische Patienten. Die würden gerne mit mir sprechen. Die sehr schöne Schwester sagt, sie bemüht sich, mein Telefon geladen zu bekommen. Hinter ihr steht leider eine andere Macht, die das verhindert. Ich wollte eigentlich auch meine Frau anrufen. Die weiß bisher nicht, wo ich mich befinde. Sie hat ganz sicher einen gewaltigen Schreck bekommen, als sie vom Weißen Kreuz angerufen wurde.

Der Schreck saß sehr tief. Wir haben bisher alles gemeinsam durchgestanden. Die Migration, das Leid und die wenigen Momente der Freude. Angefangen bei der Peinlichkeit gemeinsamer Bewerbungen bis hin zu getrennten Arbeitsstellen mit unterschiedlichen Arbeitszeiten und freien Tagen. Das geht bis hin zu unterschiedlichen Saisonzeiten. Wir spürten, mit uns will nicht wirklich jemand zusammen arbeiten. Man wollte uns trennen. Das wurde oft direkt ausgesprochen. Meine Frau ist sehr schön. Der Grund für die absichtliche Trennung liegt also offen vor uns im Gespräch und in den Augen der Gesprächspartner. Die pure Geilheit triefte aus ihren Augen. Nicht nur das. Später durften wir feststellen, warum. Die Hoteliers betrieben in den Umkleideräumen und nicht nur dort, versteckte und offene Kameras. Angeblich wegen Diebstählen und Einbrüchen. An den Bürocomputern der Chefs liefen dann die Filmchen und wurden sicher mitgeschnitten. Der Trick klingt einfach. Man stellt die Kameras einfach in die Wäschekammer und hält die Garderoben kleiner. Selbstverständlich wird in Wäschekammern bisweilen auch geklaut. Die Gäste tun das auch. Massiver. Jedenfalls ist der Schwund ein Teil der Kosten und kein Grund, das weibliche Personal unter der Dusche zu filmen.

Zumal der größte Teil des Personals eh in betriebseigenen Personalzimmern lebt. Wenn dort noch heimlich gefilmt wird, ist der Gipfel erreicht.

Am späten Nachmittag des kommenden Tages kommt meine Frau zu Besuch. Ihr Chef wollte sie eher nicht gehen lassen. Ich wäre das nicht wert, meint er. Das Niveau der Niederträchtigkeit erreichte damit den Höhepunkt. Die Einen fahren dich tot und die Anderen dürfen nicht mal Trauern – etwas spitz ausgedrückt.

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Spüler – Pakistan- Hamid

Glaudio- Wirt Kiosko- Daniela

Attentäter ist GAIARDELLI EUGENIO

Notizen

Ein Konglomerat von Verbrechern und Betrügern ist bestrebt, die Schadenersatzforderung des Geschädigten in die eigene Tasche als Prämie umzuleiten. Das sind die Schänder von Behinderten in der Republik. Eigentlich gehören diese Kreaturen mit dem Attentäter hinter Gitter, statt befördert zu werden. Macht ein Geschädigter falsche Angaben, wird er wegen Versicherungsbetrug hinter Gitter gesteckt.

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Zwei gewissenlose, höchst kriminelle Kreaturen, die ich nicht als Mensch bezeichnen will, nagen sich in meinen Kopf und lassen mir keine Ruhe. Ich lasse diese Kreaturen die Rache meiner Worte spüren, die tief aus meiner Seele kommen.

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