Der Saisonkoch-Winter

„Wenn so wenig Gäste sind, würde ich gern hoch gehen“, sagt Muchmat. Soltan hat gleich genickt und ich hab ihm das erlaubt. Das Grinsen auf dem Gesicht, ist einer der schönsten Anblicke im Saisonleben. Zisch, weg war er. Er hat seinen Abflug sogar sehr schön vorbereitet. Hat sich zwei Brote belegt, den Arbeitsplatz gesäubert und auch ordentlich nachgefüllt. Vorbildlich!

Das Abendgeschäft ist erstaunlich zeitig fertig und wir können mit dem Putzen abschließen. Wir rennen förmlich aus dem Betrieb. Bei Joana angekommen, fragt sie mich, ob wir schnell nach Hause fahren wollen. Die Zeit ist günstig. Montags und freitags, ist eine Fahrt über den Reschen die reine Belastungsprobe. Nicht so sehr in der Nacht. Eher, morgens. Wir würden dabei einfach zu viel Zeit verlieren und könnten auch unsere Ankunft schlecht vorhersagen. Im Winter ist wichtig zu wissen, wie es mit Niederschlägen aussieht. Die Malser Heide ist bei Neuschnee für Autos nahezu unpassierbar. Der Südtiroler Schneeräumdienst ist immerhin einer der besten in den Alpen. Im Winter bricht man dennoch recht zeitig auf, weil man einfach bestimmte Verlustzeiten mit einkalkuliert. Das Wetter scheint günstig und wir riskieren die Fahrt. Die Arbeitsplatzsuche haben wir um einen Tag verschoben. Die Fahrt ist trotzdem, relativ wichtig, weil wir noch ein paar Spezialwerkzeuge für mich und Joana holen müssen. Eigentlich könnte man das auf den freien Tag verschieben. Der ist aber in unserem Gewerbe nicht sicher. Zumal, Joana und ich, den gleichen freien Tag haben müssten. Dagegen spricht aber noch ein anderer Grund. Im Touristengedränge möchte ich einfach nicht fahren. Da fährt man mit Leuten zusammen, die einfach keine Ahnung von den alpinen Gegebenheiten haben und sich auch so benehmen.

Zu packen gibt es nicht viel. Wir nehmen nur etwas Wasser mit und diverse Hilfsmittel, die wir benötigen, wenn die Reise stockt. Die Fahrt durch das obere Inntal gleicht eigentlich einer Fahrt durch eine Hotel- oder Einkaufspassage. Alle Häuser sind reichlich beleuchtet, Tank- und Servicestellen stehen alle paar Kilometer und sonst ist, außer touristischer Infrastruktur, wenig zu sehen. Und da hören wir das Märchen von der Umwelterwärmung. In den Alpen ist das kein Märchen. Alle Hotels heizen, werden von Autos besucht und in Ruhezeiten, von Handwerkern gepflegt. Da weiß man sofort, wer das Gletscherschmelzen verursacht. Wohl auch in der Kenntnis, wie sich die Luft in den Alpen bewegt. Tagsüber, könnte man mal ganz ruhig versuchen, ein Foto von der „Natur“ der Alpen zu schießen. Bitte! Das wird schwer. Mir ist es nach zwanzig Jahren festem Wohnsitz in den Alpen, bis heute nicht gelungen, ein Foto von der schönen Natur zu schießen. Ohne darauf menschliche Spuren zu finden. Schilder sind ganz sicher auf jedem Foto. Massentourismus. Die Spuren dieses Phänomens gehen aber noch bedeutend weiter. Die Straße über den Reschenpass und nicht nur die, sind eigentlich Führungen über einen Müllplatz ohne Vergleich. Wer dafür noch den Titel: Naturschutzgebiet verleiht, ist entweder ein Frevler oder ein gemeinnütziger Täuscher. Es geht auch Beides. Lassen Sie mich das mit einem Wort beschreiben: Umweltverbrecher. Sollte damit auch wirklich ein Ziel verfolgt werden, bedürfte es einer Kontrolle, die von den Institutionen gar nicht aufgebracht werden kann.

Wir passieren bereits den Reschen und stellen fest, vor den Hotels sind vorwiegend gelbe Autokennzeichen zu sehen. Holländer. Die Mehrheit steht in Österreich. Kaum im Italienischen angekommen, zeigen sich auch mehrheitlich, italienische Autokennzeichen. Fast wie in Samnaun. Auf der gesamten Stecke, bis nach Schluderns, treffen wir keinen einheimischen Autofahrer. Schluderns, die Burg, sieht in der Nacht wirklich schön aus und man fühlt sich zu Hause. Warum zu Hause? Wir kommen eigentlich aus der DDR. Die gibt es nicht mehr. Viele unserer Kollegen kommen aus der Volksrepublik Polen, aus der CSSR, aus Ungarn, Rumänien, Bulgarien und aus Jugoslawien. Neuerdings auch aus der Ukraine und aus Moldawien. Alle diese Länder gibt es noch. Nur, leider gibt keine Arbeit in den Ländern. Arbeit, von der Man leben könnte. Die Länder waren alle gute Industrienationen. DDR-Bürger, zum Beispiel, gingen gern einkaufen in ihren Nachbarländern und umgedreht; auch die Nachbarn, kauften gern in der DDR ein. Seit den siebziger Jahren war das zu dem, visafrei möglich. Man fuhr in das Nachbarland ohne Probleme. Mit dem Ausweis.

In den Ländern wurden ab neunzehnhundertneunzig, viele Gastronomiebetriebe geschlossen. Bis auf wenige Ausnahmen. Auch die Betriebskantinen, Schulküchen und sonstigen Versorger. Über Nacht war das Geld weg, das in den Ländern freimütig, gern ausgegeben wurde. Es gab keine Not. Die Gaststätten dieser Länder waren permanent voll. Man kochte selten zu Hause. Frühstück und Mittag gab es auf Arbeit, in den Schulen, im Kindergarten und in Alterseinrichtungen. Zum Feierabend, nach knapp neun Stunden Arbeit mit Pausen, traf man sich gern in Restaurants, in Sport- und Freizeitzentren mit seinen Freunden und Kollegen. Diese Arbeitsplätze gibt es nicht mehr. Die Kollegen sind heute, wie wir, Saisonarbeiter oder arbeitslos. Über Nacht, kochen die Kollegen – Speisen, die sie selten oder nie, bei sich zu Hause kochten. Und das in Küchen, die teilweise älter als sind als die Schrottplätze der Länder, aus denen die Kollegen kommen. Ein Vergleich mit den Küchen der Länder, käme keinem in den Sinn. Die waren immer perfekt, sauber und auf dem neuesten Stand. Es gab schon wenige Ausnahmen. Aber nicht lange; kurzzeitig. Die Betriebe wurden dann generalüberholt. Die gut ausgebildeten Leute stehen heute in Küchen, die ihnen vorher nicht mal im Alptraum erschienen. Sie stehen an der Seite von hochverschuldeten Unternehmerfamilien, die ihre Schulden nicht mal in der dritten Generation bedienen können. Bei den Kollegen zu Hause, wurden Betriebe aller acht bis zehn Jahre generalüberholt. Für diese Kollegen ist Saisonarbeit, der Gang zurück ins Mittelalter. Einfach schockierend!

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