Saisonarbeiter sind aus dem Grund gezwungen, Geld zu sparen. Jede Fahrt nach Hause zu den Familienangehörigen, kostet um die eintausend Euro. Mit Glück. Oft fallen noch Unfälle und Reparaturen an, die einem dann schon zweifeln lassen, ob man davon zukünftig leben kann. Viele unserer Kollegen und wir, sind aus dem Grund ausgewandert. Das verkürzt zumindest den Arbeitsweg und das Unfallrisiko. Wir haben also unsere mietpflichtigen Wohnungen aufgegeben, sämtliche Freundschaften gekündigt und nicht selten, die Familienbande aufgelöst. Aus Not. Die festen Beziehungen werden über Nacht in ein Zigeunerleben verwandelt. Freunde und Familienangehörige trifft man oft nur am letzten Tag ihres Lebens oder bei ihrer Beerdigung. Dann ist es zu spät. Zigeuner haben keine Freunde. Nur unter Ihresgleichen. Irgendwann kommt dann der Punkt, an dem sich der Zigeuner aus Zwang, eine neue Heimat sucht. Einen festen Sitz. Nachbarn. Eventuell Freunde und Kollegen, die er öfters trifft. Das ist spekulativ. Riskant. Geht das schief, musst Du weg da. Wir hatten das Glück, in einer nicht reibungslosen Gesellschaft, einen Platz zu finden. Wir sind gut aufgenommen worden. In Südtirol. Bei einfachen, lieben Menschen. Es drängt sich ein Vergleich mit der DDR auf. Natürlich. Das wird niemand unserer neuen Gastgeber glauben. Unsere Gastgeber sind den DDR-Bürgern ähnlicher als sie denken. Deshalb sehen wir hier einem annehmbaren Ersatz für zu Hause.
Bei der Fahrt am Reschensee entlang, entwickelt sich sogar etwas Heimatgefühl. Die Straßen sind vertraut, die Hotels und Lokale, selbst die italienischen Touristen, die scheinbar unbeteiligt auf der Straße gehen und stehen.
Vor uns fährt ein deutsches Auto. Das scheint eine verspätete Anreise zu sein. Auf dem Dach hat er so einen Gepäckbehälter. Ich fahr hinter ihm her und denke mir, warum der ausgerechnet so einen Kübel auf dem Dach hat. Es sitzen nur zwei Personen in dem SUV. Der Kasten hat nicht mal einen Spritzschutz und ich bekomme die ganze Zeit schon das Streugut und den gesalzenen Matsch auf die Scheibe. ‚Ich muss an dem vorbei`, denk ich mir. Sonst bin ich in Schlanders und mein Spritzwasserbehälter ist leer. Oder schlimmer, ich bekomme ein Loch in die Scheibe. Gerade setze ich den Blinker und will mich anschicken, zu überholen. Da springt von dem Auto vor mir der Gepäckkasten auf und mir fliegen alle möglichen Sachen entgegen. Joana hat sich geduckt. Da macht der Trottel vor mir noch eine Vollbremsung. Bei Glätte. `Mein Gott` , denk ich, `Auto fahren können die auch nicht‘. Mich wundert nichts mehr.
Unser Auto hab ich gerade so zum Anhalten gebracht. Zur Not wäre ich in die Schneeböschung gefahren, die beim Schneeschieben entsteht. Die ist zum Saisonanfang noch recht frisch und vermutlich, erheblich weicher als am Saisonende. Neben den Skistöcken, kamen allerlei Dinge geflogen. Selbst die lange Unterhose meines Vordermannes. Fehlen nur noch die Slipeinlagen seiner Beifahrerin. Die Ski sind liegen geblieben. Das wundert mich. Der Fahrer steigt aus. Seine Beifahrerin bleibt sitzen. Er fragt mich scheinheilig, ob mir etwas passiert wäre.
„Ich erkenne Sie gerade noch so“, sag ich ihm. „Das Auto hat mehr Schaden genommen als ich“. Ich zeige ihm ein paar Einschlagspuren. Er öffnet die Brieftasche und zückt dreihundert Euro. „Die Polizei brauchen wir nicht für den Schaden“, sagt er in leicht befehlerischem Ton. „Das ist ein Mercedes.“ geb` ich zum Besten. „Da bekommen Sie für dreihundert Euro, bestenfalls, die Scheibenwischer samt Gestänge gewechselt“. „Mehr hab ich in bar nicht mit“, sagt er. ‚Betteln will er auch noch‘, denk ich mir. „Sie können unten im Ort, Bargeld am Automaten ziehen.“ „Ich zeig‘s Ihnen. Das kostet mindestens achthundert Euro.“ Er geht zu seiner Beifahrerin und diskutiert mit ihr etwas. Sie greift in eine Tasche und gibt ihm etwas in die Hand. Er kommt zurück und sagt: „Für Sie“. Er hat mir tausend Euro gegeben. „Reicht“, hab ich ihm kurz gesagt. Er möchte nach Burgeis, sagt er fast schon fragend. Wir sagen ihm, wo er abbiegen soll.
‚Dort braucht er den Traktor‘, geht mir so durch den Kopf. Ich hab ihm noch etwas Licht gespendet, damit er seine Unterhosen wieder findet. Die Skistöcke muss er sich neu kaufen, glaub ich. Den einen hab ich überfahren. Da hat er Glück. Am Reschen gibt es Sportgeschäfte. „Ich muss jetzt fahren“, sag ich ihm. ‚Sonst kann ich da gleich umkehren‘, denk ich mir dazu. Er bedankte sich. Von seiner Beifahrerin, kam keine Geste. Sie saß regungslos, wie ein Stock.
Auf dem weiteren Weg passiert nichts weiter. In Spondinig kamen zu uns noch ein paar Kollegen, vermute ich. Der Pendelverkehr von Stilfs. Fast alle biegen in Eyers ab. Wenige fahren mit uns weiter. Sie fahren bedeutend schneller als wir und entfernen sich bei Zeiten aus unserem Sichtfeld. In Kastelbell treffen wir noch eine Carabinierikontrolle. Sie stehen vor der Obstgenossenschaft. Und schon sind wir zu Hause. Unsere Nachbarin, Paula, schiebt die Gardine beiseite und schaut, wer da kommt. Es ist beruhigend zu wissen, dass unsere Nachbarschaft das kontrolliert. Ich winke kurz zu ihr hoch und sie schiebt schnell die Gardine zurück. An unserer Wohnungstür angekommen, stelle ich fest, dass von Paula die Wohnungstür angelehnt ist. „N’abend Paula“.
„Wie ist es denn dort?“, fragt sie zurück.
„Schwer“, geb ich zur Antwort. Sie geht in ihre Wohnung und bringt zwei Briefe. Die sind heute gekommen. „Weißt Du, von wem die sind?“
„ Einer ist vom Amt“. Sie murmelt noch etwas vor sich hin und sagt:
„Gute Nacht“. Jetzt schließt sie die Tür.
Nach dem Auspacken, stelle ich ihr noch eine Tüte Filterkaffee vor die Tür. Den trinkt sie gern. Wir bringen ihr gelegentlich ein Päckchen davon mit. Der Brief war die Mitteilung über eine Geschwindigkeitskontrolle. Wir sind zu schnell gefahren. Einhundert siebzig Euro. Für knapp zwanzig Stundenkilometer zu viel. Der Beleg geht kaum zu entziffern. Kreuze in manchen Feldern, in anderen keine Kreuze, dafür Striche. Ich frag Joana, ob sie irgendwo eine Summe findet. „Hier!“ „Du sollst zur Vorlage der Dokumente“, sagt sie. „Nach Bozen“. ‚Schon wieder ein freier Tag hinüber‘, denk ich mir. Wir trinken noch einen Kaffee, suchen die Sachen zusammen, die wir noch benötigen und gehen endlich ins eigene Bett. Eine Wohltat.

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