Wir gehen zum Parkplatz, der voller Lkws steht. Es sind wieder keine deutschen LKW-Kennzeichen dabei.
Wir sind jetzt an unserer Autobahnabfahrt angekommen. Hier sollte sie zumindest sein. Die Ausfahrt ist gesperrt. Auf dem Schild steht, wir sollen die nächste, neue Ausfahrt benutzen. Wir fahren etwas weiter und sehen jetzt ein neues Gewerbezentrum. Das ist jetzt die neue Ausfahrt. Langsam frage ich mich, welche Neuigkeiten mich noch so erwarten. Bei der Abfahrt spüre ich, bessere Straßen sind es schon mal nicht. Ich erkenne diverse Firmen, die zu DDR-Zeiten ihre Hochblüte hatten. Die Gebäude sind leer. Oft sind kleine Flächen um diverse Eingänge etwas bemalt. Meist steht ein Name über oder neben der Tür. Der Rest verfällt. Mir drängen sich Vergleiche mit Kriegsgebieten auf. An den einzelnen Häusern, an denen wir vorbeikommen und die wir, teilweise von früher kennen, fällt mir auf, sie sehen fast alle, außen neu aus. Mir drängt sich ein Vergleich mit den fränkischen Häusern auf. Die sind größtenteils mit Kunststoffplatten eingeschalt. Das sächsische Sprichwort dafür heißt: „Außen hui, Innen pfui“. Die Ruine wird nicht mehr repariert, sondern verkleidet.
Ab jetzt kommen mir die Straßen recht bekannt vor. Fast schon automatisch, zieht es uns zur Wohnung von Joanas Mutter.
„Mutter ist umgezogen“, sagt mir Joana. ‚Oh Kacke´, denk ich.
„Wo ist denn ihre neue Wohnung?“
„Im Weberhaus hinterm Friedhof.“ ‚Wenn das mal keine Wahl ist‘. Gut; aber die Ruhe hier ist beeindruckend. Unsere Familie ist bereits da. Zumindest jene, die zu Hause geblieben sind. Die anderen fehlen noch. Wir sind die ersten. Marko, der Bruder von Joana, erwartet uns schon. Ihm und Joana stehen die Tränen in den Augen. Man hat sich zu lange nicht gesehen. Marko hat einen jungen Mann dabei. „Wer ist das?“, frag ich Marko. „Unser Sohn Jens, Dein Neffe.“ Ich überlege, wann ich ihn zum letzten Mal gesehen habe. Zum Schulanfang? Da waren wir noch vollzählig. Jetzt kommt noch Udo. Udo ist der älteste Bruder von Joana. Marko und Udo waren recht oft zu Besuch bei Mutter. Zwei bis drei Mal die Woche. Mutter war schon mal nicht zu einsam und die Zwei haben sich gut um Mutter gekümmert. Marko hat unsere Mutter tot gefunden. Das erklärt mir auch die Fassungslosigkeit. Udo fragt uns, ob wir schon eine Übernachtung haben. „Natürlich.“, sag ich ihm. „Wir schlafen bei meinen Eltern.“ Udo lebt seit Jahren allein. Er hat immer Platz für Besuch. Zu dem ist Udo ein außergewöhnlich guter Gastgeber, der die üblichen Tätigkeiten von Hausfrauen perfekt beherrscht. Er ist pingelig sauber. Man findet bei Udo äußerst selten ein Staubkorn, geschweige volle Müllkübel oder vergammeltes Essen. Marko fragt uns, ob wir noch einmal die Wohnung von Mutter sehen wollen. „Selbstverständlich“, sagt Joana. Wir gehen gemeinsam zur Wohnung und der Vermieter, ein selbstständiger Schlossermeister und sein Sohn, bekunden ihr Beileid. Joana kennt den Sohn noch aus Schulzeiten. Die üblichen Floskeln über das Leben – allgemein, sind schnell ausgetauscht. Man wähnt sich relativ zufrieden. Mutters Wohnung ist das blanke Abbild ihres Charakters. Mutter war eine sehr gebildete Frau. Sie war Buchhalterin. In der DDR konnte man scheinbar locker, ganztags eine Buchhalterin sein. Dazu fünf Kinder groß ziehen. Im kapitalistischen Ländern ist so etwas undenkbar. Die Mutter würde heute vielleicht nur für den Kindergartenplatz arbeiten. Garantiert nicht für ihr Konto.
Joana ist etwas von der Rolle. Sie fragt mich, ob wir nicht gehen wollen. Sie erträgt den Rummel jetzt nicht. Ich frage Udo, ob er mir mal kurz sein Telefon gibt und rufe bei meinen Eltern an. Meine Mutter ist ganz erstaunt über unserem Besuch. Nachdem ich ihr den Grund gesagt habe, ist sie schon mal sprachlos. Gelegentlich sind die zwei Mütter mal ausgefahren. Eher selten in letzter Zeit. Mein Vater ist sehr krank. Er trägt einen Defibrillator. Ich frage Mutter, ob sie ein Zimmer frei hat. Eigentlich hat sie für uns immer ein Zimmer frei. „Wie geht es Vater?“ Er hätte relativ schlechte Laune, gibt sie mir zur Antwort. „Warum?“ „Er ist in letzter Zeit ein paar Mal umgefallen“, sagt Mutter mir. Er muss jetzt ziemlich oft ins Krankenhaus. Ich sage ihr, dass wir jetzt mal rüber kommen. „Wir sind seit vier Uhr auf den Beinen“, sag ich ihr. „Ich mach gleich ein Zimmer fertig“, ist die Antwort. „Und einen Liter Kaffee“, ergänze ich. „Wir treffen uns zum Trauerbrot beim Griechen auf der Neefestraße“, sagt Marco.
Um zu mir nach Hause zu kommen, müssen wir durch die Kreisstadt fahren. Joanas Mutter wohnte in einem ruhigeren Randgebiet der Kreisstadt. Uns ist das recht. Wir wollen schauen, wie sich während unserer Abwesenheit die Stadt entwickelt hat. Bekanntlich sprach der eingesetzte Bundeskanzler der Invasoren davon, die DDR in blühende Landschaften zu verwandeln. Am Ortsrand entdecken wir schon reichlich Neubauten in Form von Einfamilienhäusern. Stadteinwärts sehen wir ein paar neu gebaute Mehrfamilienhäuser. Die letzten paar Grünflächen der Stadt sind dann schon mal zugebaut. An Stellen, an denen wir zu DDR-Zeiten, reichlich Kleingärtner, Minigärten, Obstbäume und Kleintierställe sahen, sind jetzt Parkplätze. Neubauten befinden sich zwischen drin. Garniert wird die Ansicht von überflüssigen, durch gehärteten Betonabgüssen. Die sind vermischt mit leeren Getränkedosen und Plastikflaschen. Ich denke gerade an unsere Jugendjahre. Die Dosen wir mal gesammelt. Das ist kein Witz. Wir haben die Dosen und Etiketten diverser Getränke, getauscht wie Briefmarken.
Wir fahren an Betrieben vorbei, in denen kein Mensch mehr arbeitet. Berühmte Betriebe sind dabei. Sporttrikotagen-, Strumpf- und Möbelstoffbetriebe. Jetzt, Ruinen. An einem Betrieb ist der Eingang weiß angestrichen. Ein Schild, „Billardcafe“ hängt dran. Mein Lieblingsfreizeitsport. Ich sag zu Joana, wir könnten dort abends mal hinschauen. Joana spielt gern mit mir Billard. „Mal schauen, ob genug Zeit ist“, antwortet mir Joana. Wir kommen in der Stadtmitte an. Die Besatzer bauen zuerst ihre Amtsstuben. Dazu zählt natürlich das Rathaus, das Arbeitsamt, die Kreisverwaltung und das Finanzamt. Offenbar schläft es sich schlecht in Ruinen. Der Rest ist dem Gesindel egal. Gegenüber dem Rathaus steht ein Hotel. In dem habe ich, unter anderem, meinen Beruf gelernt. „Gehen wir mal rein“, frag ich. „Jetzt nicht“, ist die kurze Antwort. Es gäbe eigentlich vieles nachzuholen. Die Zeit dazu wird nicht reichen. Wir verlassen langsam die Stadt und kommen am anderen Stadtrand an. Dort stand die Sporthalle, in der ich Tischtennis gespielt habe. Mich juckt es etwas, dort mal rein zu schauen. Joana sieht meine Augen und sagt: „Jetzt nicht“. Ich lass das als Traum stehen.
Bei der Fahrt aus der Stadt, fällt uns auf, dass alle Kirchen neu gestrichen sind. Ich frage mich, wer das wohl bezahlt. In der DDR waren die Gläubigen selbst für den Erhalt ihres Gotteshauses zuständig. Auch finanziell. Da hielt sich der Glauben in Grenzen. Bei Geld, hört der Glauben auf. Die Glaubensgemeinschaften haben aber schon anständig ihre Kirchensteuer bezahlt. Farbe gab es in der DDR auch. Warum haben die Gläubigen der DDR nicht ihre Kirchen angemalt?
Wir setzen unsere Fahrt über Land fort und passieren uns bekannte Ausflugslokale. Vor denen standen wir früher Schlange, um eine Mahlzeit einzunehmen. Heute, gähnende Leere. Zwei Autos stehen davor. Westautos. Keine von hier. Ich wollte erst anhalten und einem Schulfreund „Guten Tag“ sagen. Joana sagt ganz trocken: „Weiter.“ Nach ein paar Kilometern Heimfahrt, stehen wir vor dem Gasthof meiner Eltern. Auch, gähnende Leere. Ein Auto steht davor. Mit heimischer Nummer. Wie spät ist es? Ah, Mutter hat noch geschlossen. Wir kommen auf den Parkplatz und schon springt die Haustür auf. Da steht sie. Drei Jahre nicht gesehen. Was soll ich jetzt sagen? Greatzi? Bon giorno? Servus? Mit feuchten Augen ruft meine Mutter: „Gut siehste aus.“ Was soll ich antworten nach fünfzehn Stunden Fahrt und einer Vier-Stunden-Nacht? „Übertreib ni
(übertreibe nicht).“
„Wo iss‘n der Vater?“ (Wo ist Vater?)
„Drinne“. Joana, schlank biste! Du bist dinner als vor drei Jahrn.“
(„Drinnen“. Joana, schlank bist du! Du bist dünner als vor drei Jahren.)
Joana scheint zu überlegen, was sie antwortet.
„Noja“ (ist gut).
Ich helfe ihr etwas:
„Wenn‘s Kilometergeld für Zimmermädels gäb, wär se (sie) schon Millionär.“ Das brauchen wir eigentlich einer Gastwirtin, wie meiner Mutter, nicht erklären. Die kennt das.
„Du hast aber bissl (etwas) zugelescht (zugelegt)“, sag ich zur Mutter.
„Ich hab jetzt oh e (auch ein) Zimmermädl. Die kennste (kennst du).“ „Binsch (bin ich) gespannt“, sag ich. Kaum geht die Küchentür auf, sehe ich die Überraschung. Christore, meine ehemalige Klassenkameradin. Ich fühlte mich innerlich wie in die Schulzeit zurückversetzt. Mir kamen unweigerlich, sämtliche Schandtaten vor Augen, die wir Christore im Laufe unserer Schulzeit so angetan haben. Christore begrüßte mich nicht überschwänglich, eher verhalten. „Wo bist‘n Du jetzt?“
„In Italien“.
„Iss (ist) es schön dort?“ „
„Hier iss (ist) es schöner. Aber, notgedrungen…“
„Wo genau bist Du in Italien?“
„In Südtirol.“
„Da wollt ich auch schon immer mal hin.“
„Na, da fahr doch gleich mit.“
„Ich hab ke (kein) Geld.“
„Aber, die Reisefreiheit, die haste (hast du) jetzt.“
„Die nützt mir nischt jetzt.“
Mein Vater hat dem Gespräch etwas gelauscht. Ich bin zu ihm gegangen, habe ihn gedrückt und gespürt, da ist nichts mehr da von einem Leichtathleten. Vater war Zehnkämpfer. Die Männer unserer Familie sind eigentlich von einer Zappeligkeit geprägt, die leicht in Begeisterung ausschlagen kann. Davon war gar Nichts zu spüren. Nicht mal ein Rest. Mein Vater wirkte etwas selbst bemitleidend. Ich sah auch eine Art Todesangst.
„Die hamm mir en Kasten eingebaut, der mir en Stromschlag gibt, wenn‘s Herz ruckt“ (die haben mir einen Kasten eingebaut, der mir einen Stromschlag gibt, wenn es Herz verückt spielt), erklärt er mir. Das täte außergewöhnlich weh. „Dorzu kommt, dass ich vor der Haustür nur Verbrecher seh’“ (Dazu kommt, dass ich vor der Haustüt nur Verbrecher sehe), ergänzt der Vater.
„Wie“, frag ich ihn.
„Die Hotelrechnungen zahln se ni (zahlen die nicht). Ich hab immer gedacht, die Kommunisten sind Lumpen. Die jetzt, sind hundert Mal schlimmer! Da muss ich Dir schon Recht geben, Genosse.“
Zuerst dachte ich, mich verhört zu haben. Mein Vater war, weiß Gott, kein Kommunistenfreund. Er ist in den ehemaligen Ostgebieten aufgewachsen und praktisch, im Faschismus sozialisiert worden. Ein Bruder von ihm, ist im Krieg gefallen. Wir kennen praktisch nur unsere Großmütter. Unsere Großväter sind alle nicht alt geworden.
Die recht späte Erkenntnis meines Vaters ehrt mich etwas. Ich wurde des Öfteren, meiner Gesinnung wegen, schwer kritisiert. Ich war weder Jungpionier, noch Thälmannpionier, noch FDJler. Dafür war ich aber ein Freund dieser Jugendorganisationen. Ein Kompromiss. Die Sozialisierung der DDR stieß auf das Veto meiner Eltern. Das wirkte. Das Geständnis meines Vaters bescherte mir eine späte Bestätigung, die ich fast schon als eine Befreiung wahrnahm. Ich fragte meine Eltern, ob sie zur Trauerfeier mitkommen. „Selbstverständlich“, war die Antwort von Beiden. „Macht Dir das auch keine Probleme“, fragte ich Vater. „Nein“. Meine Eltern haben Joanas Mutter auf ihren Ausflügen mitgenommen. So richtig warm, waren sie sich aber nie, dachte ich. Wir hatten auch zu wenig Möglichkeiten, das zu beeinflussen. Von der Ferne aus, mit anfangs wechselndem Wohnort, geht das nicht. „Wir müssn uns erscht Ma bissl frisch machn und ne Runde penn‘n“ (wir müssen uns erst Mal etwas frisch machen und eine Runde ruhen), sag ich zur Mutter. „Geh off de dreie“ (gehe auf Zimmer drei), ist die Antwort. Die Drei ist heute eine Zimmernummer. Das war mal mein Kinderzimmer. Mutter geht mit nach oben. Nachdem wir die Tür geöffnet haben, bemerke ich, die Dusche in meinem Kinderzimmer. Unser altes Badezimmer war gegenüber. „Wer hat denn die Dusche eingebaut?“ „Ich“, sagt Mutter. „Und die Fließen?“ „Auch ich“, sagt mir eine sechzigjährige Unternehmerin aus der DDR. Meine Mutter. Ich ziehe gerade gedankliche Vergleiche zu meinen Arbeitgebern in den Alpenländern. Die können das auch. Mit dem Maul.

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