Berta

Ein QR-Code mit einem kleineren Bild in der Mitte, das eine Landschaft zeigt.

Den größten Teil der Bevölkerung prägte eine Gruppe von Menschen, die von den Nazis direkt verfolgt wurden. Sehr oft bestand die Gruppe aus Hinterbliebenen. Kein Name der Täter verschwand aus ihrem Kopf. Die Leiden waren sehr oft mit unbeschreiblichen Gräuel verbunden.

Als Kind und Jugendlicher fand ich eher Zugang zu den Köpfen der Opfer. Ein Teil der Flüchtlinge in der DDR wurde vom Westen einfach abgewiesen. Sie bekamen dort keine Einbürgerung. Schließlich griff der Westen auf die Akten ihres Gottes zurück. Armen Menschen und Proleten war der Zugang in den Westen generell versperrt. Das betraf auch Siedler, die sich als Pächter über Wasser hielten. Diese Familien stellten aber den Großteil des Ostheeres und die meisten Opfer. Nicht wenige Familien dachten, sie hätten dem Reich genug Opfer gebracht und hofften auf das laut versprochene Glück im Westen. Die begehrten Flüchtlinge aus den ehemals besetzten Ostgebieten mussten schließlich ihre Beute mitbringen. Zumindest als eine Art der Wirtschaftsförderung oder in Form von Schutzgeld. Berta hatte das nicht. Selbst die kurzfristige Konvertierung zum jüdischen Glauben half nicht. Trotzdem viele der umliegenden reichstreuen Gutsherren, sich mit diesem Schritt das Tor zum Westen öffneten. Genug Schutzgeld hatten sie ja.

Mit einem Nachteil. Sie mussten mit mehreren Parteien teilen. Schließlich musste auch ihre neue Heimat gegründet werden.

Bertas reichstreue Erziehung hinterließ schon ihre Spuren. Sie lobte oft die Erfolge der Reichsarmee. Gerade im Norden Polens und im Baltikum. Sie schwärmte nahezu von den Festungen, die auch von Vorgängern gebaut und übernommen wurden. Dabei erwähnte sie den opferreichen Gang der Roten Armee. Nicht ohne eine versteckte Schadensfreude. Im gleichen Atemzug warf sie den Russen die Schuld am Tod ihrer Familienangehörigen vor. Mit meinen Schulkenntnissen antwortete ich: „Die Deutschen haben die Sowjetunion überfallen. Hätten sie es nicht getan, würde ihre Familien noch leben.“

Darauf antwortete Berta nie.

„Ich gehe morgen Pilze suchen. Gehst du mit?“

Berta war eine ausgezeichnete Pilzkennerin. Pilze waren in der DDR sehr gefragt. Papa kaufte seine Pilze auch von Berta. Gaststätten mit Pilzen im Angebot, wurden sehr gut besucht. Konnte die Köchin die Pilze gut und schmackhaft verarbeiten, wurden Pilze zum Renner. Mutter war darin eine Künstlerin.

Es gab oft etwas Streit mit Berta. Sie hatte die Pilze, des Gewichts wegen, nicht ordentlich geputzt. Das sollte ich in die Hand nehmen. Vor dem Wiegen. Am besten, schon im Wald. Berta war das so nicht besonders recht. Sie ging in der Folge zwar mit mir zusammen in den Wald; setze sich aber bei Zeiten heimlich ab. Vor allen an Stellen, die sie als besondere Flecke bezeichnete. Das tat sie zu meiner Täuschung. Ihre guten Stellen wollte sie mir nie verraten. Als wir unsere Funde bei Vater abrechneten, hatte Berta immer die zehnfache Menge im Vergleich zu mir.

Andere Pilzsammler kamen natürlich auch zu Vater. Mit ähnlich vollen Körben wie sie Berta abrechnete. Vater setze mich an, ich sollte auch mit ihnen zusammen Pilze sammeln. Die Meisten ließen sich darauf nicht ein.

„Gehe du mit deiner Berta“, war deren Antwort.

Allgemein gab es ein gewisses Wettrennen zu den ergiebigen Stellen in unserem Wald.

„Der war schon da“, sagt Berta oft mit einem Hinweis in Richtung – Hans. Hans war ein Klempner, der den Handwerksbetrieb seinem Sohn überschrieben hatte. Er ging jetzt seiner Leidenschaft nach. Dem Pilze sammeln. Er kassierte bei Vater nur in einer Währung. Bier. Auch Nine, ein Geselle von Hans, ging Sammeln. Oft mit Berta.

Nine war ein fast Vierzig jähriger Mann und geistig etwas behindert. Er hatte gerade so die Hilfsschule geschafft und fand ein Auskommen als Hilfsarbeiter. Nine war sein Spitzname. Sicher nicht unbegründet. Eine Frau kam für ihn kaum in Frage trotz des heiratsfähigen Alters. Berta half ihm aber tatkräftig, eine Frau zu finden. Sicher auch, ihn etwas zu beruhigen. Neben seiner geistigen Verspieltheit, neigte Nine dazu, sein übergroßes Gemächt zu präsentieren. Das brachte ihn auch um seine Position des Seitenrichters im örtlichen Fußballverein. Er zog stets – weite, oft etwas zu kurze, schwarze Turnhosen an. Die örtliche Frauen bewunderten die Hose zwar. Aber sie befürchteten die Gesprächigkeit Nines. Er konnte nichts für sich behalten. Mit wenigen Tricks, konnte man Nine jede Aussage entlocken. Nine war in der Hinsicht, ein gefragtes Nachrichtenmedium im Ort. Eine Klatschbase.

Bei Berta machte Nine aber eine Ausnahme. Keiner weiß warum. Mit irgend einem Trick, hatte Berta – Nine unter Kontrolle. Vielleicht waren es Bertas Backkünste oder die Fertigkeit, leckere Pralinen herzustellen? In Einem war Berta jedenfalls ungeschlagen. In der Zubereitung von Karpfen, Forelle, Hecht und anderen Süßwasserfischen. Ich schätze, damit hat sie Nine beeindruckt. Sicher auch mit ihrer Badewanne. Es könnte auch der rege Kontakt zu ihren Bekannten im Westen gewesen sein. Berta bekam reichlich Post und Pakete. Darin waren sicher Dinge zu finden, die Nine zu der Zeit, unmöglich in der DDR bekam.

korr0102260112

Antworten

  1. Avatar von Garfield Robel

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      Das frisst mir zuviel Zeit. Angesichts der Vielzahl meiner Projekte und meinem Alter, habe ich mir diese Beiläufigkeiten vom Hals geschafft. Trotzdem ist gerade diese Art der Unterhaltung wichtig für Schriftsteller. Liebe Grüße
      KhBeyer

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