
Beim Verhör zeigte sie sich sehr abweisend gegenüber ihren Befreiern. Sie sah in der Befreiung auch nicht unbedingt einen Zuwachs an Freiheit. Eher das Gegenteil. Wobei sie sich die angebliche Freiheit unter den Nazis schwer verdienen musste. Ihre Freiheit war damit ein sklavisches Privileg. Kein freiheitliches.
Die Besatzer hatten auch nicht unbedingt die Absicht, dem deutschen Volk mehr Freiheiten einzuräumen. Es galt eine große Schuld abzuleisten. In der Beziehung zeigten sich die sowjetischen Besatzer sogar großzügiger als die Westbesatzer.
Die Schuld konnte im Gefängnis sogar für guten Lohn abgearbeitet werden. Sofern der Insasse nicht schweren Verbrechen wie Raub und Mord schuldig war. Das organisierte Verbrechen, wie aktive Organisation und Unterstützung von Raub und Mord gehörten dazu. Die Betreffenden beriefen sich immer auf die Befehlsgewalt ihrer Vorgesetzten. Bei Verhören wurde sehr schnell der schützende Vorwand sichtbar. Als trainierte Ausrede.
Trotzdem erweist sich Gerta als helfende Hand bei der Suche nach Ulrikes Kindern. Gerta ist bei ihren Forschungen bereits wesentlich weiter als Ulrike. Gerta sucht auch ihre Kinder. Sie gebar wie Ulrike, zwei. Die Beziehungen, die sie beim Schmuggel und Schwarzhandel aufbaute, halfen ihr dabei gewaltig. Beide Frauen waren bei der ersten Geburt noch nicht volljährig. Sie wurden praktisch schon als Kinder schwer missbraucht. Eigenartigerweise empfanden sie das nicht als lästig oder gar zu früh. Ihnen schien der Zeitpunkt gut gewählt für eine Mutterschaft. Zumal ihnen in dieser Zeit reichlich Privilegien zugestanden wurden. Über ihre Namen und Nachnamen konnten sie ihre Kinder nicht ausfindig machen. Wohl eher über die Geburtsurkunden. Falls die vorhanden oder auffindbar sind. Boris der SMAD – Kommandeur versuchte, den zwei jungen Frauen zu helfen. Er verstand das als seine Pflicht. Von zu Hause aus kannte Boris das Vorgehen. Er hatte bereits reichlich Routine beim Auffinden von Vermissten. Die Unterlagen wurden aber von den Nazis vernichtet oder außer Landes gebracht.
Boris verstand es, sich an kirchliche Einrichtungen zu wenden. Über deren Kanäle wurden oft die Unterlagen beseitigt oder gesichert. In deren Archiven glaubte Boris, die Unterlagen der zwei Frauen zu finden. Einige Unterlagen waren schon vorhanden. Die wurden als Grundlage für die Verurteilungen genutzt. Leider wurden auch reichlich Aussagen von Kollegen der Frauen herangezogen. Deren Wahrheitsgehalt war selten genau überprüfbar. Zumal nicht wenige von den Aussagenden, Nutznießer diverser Dienste der Frauen waren. Nicht selten kostenlos und mit erpresserischer Absicht. Dem Verrat standen Tür und Tor offen. Gerade in der Situation galt es, die Aussagen als zweitrangig zu bewerten. Das lernte Boris bereits bei der Auswertung der Unterlagen von den Moskauer und Nürnberger Prozessen. Trotzdem gelingt es Boris, wichtige Hinweise der Aussagen zu filtern. Auf alle Fälle wusste schon Gerta von den Aktionen. Bis dahin konnte sie die Kenntnisse als Volksmund beurteilen. Boris schließt sich den Gedanken an. Er kann Gerta drehen. Mit einer einfachen Drohung.
„Keine Aussage – keine neue Heimat in der DDR.“
Das hat Gerta schnell verstanden. Zum Glück von Ulrike, möchte man fast glauben. Die Zwei verstehen sich vom ersten Tag an sehr gut.
„Ulrike hilft mir dabei“, gibt Gerta – Boris zu verstehen.
Boris plant jetzt, die Zwei in eine Vier-Personenzelle zu verlegen. Er möchte die Zwei jetzt für die Möbelstoffweberei ausbilden. Die zwei Kolleginnen arbeiten bereits in der Möbelstoffweberei. Boris möchte die Frauen zu einem Kollektiv formen. Als Kollektiv würden sie dem neu gegründeten Staat viel Nutzen bringen. Sich selbst natürlich auch.
Nach einem viertel Jahr haben die Frauen ein neues Webverfahren für Putztücher entwickelt. Das Verfahren stützt sich auf die Verarbeitung von Alttextilien und Abschnitten der Webereien. Daraus haben Kolleginnen einer nahe gelegenen Spinnerei ein neues Maschinengarn entwickelt. Boris bekommt daraufhin zu Hause einen Orden verliehen.
Ab jetzt träumt Boris vom gleichen Ergebnis in der Möbelstoffweberei. Nicht nur Boris. Auch die Frauen. Sie werden inzwischen ehrgeizig.
Klaus kommt vorbei. Er möchte aus der Brigade eine Jugendbrigade formen. In der Jugendbrigade arbeiten die Frauen für einen sowjetischen, auch gefallenen, Kriegshelden mit. Er wird bei ihnen als Mitarbeiter geführt. Ihnen werden auf Bildern mit den Lebensläufen mehrere Kandidaten nahe gebracht. Die Frauen suchen sich natürlich den schönsten Junge heraus. Sein Bild wird in der Zelle angebracht. Trotzdem gewann die Wahl eine Frau. Natalia Kowschowa. Boris hatte das den Frauen so empfohlen. Sie haben das unter Bewunderung der Heldin angenommen.
Inzwischen ist ihre Brigade auf ein Dutzend angeschwollen. Viele Frauen aus dem Stollberger Gefängnis wollten mit den Frauen zusammen arbeiten. Auch Frauen aus anderen Haftanstalten.
Die Nazis und ihre Nachfolger im Westen hetzen bereits über das Gefängnis. Wegen der Erfolge, die dort erzielt werden. Sie wollen die Morde, den Missbrauch samt Folter in ihren Haftanstalten und unter Himmler natürlich vertuschen. Ulrike könnte ein Lied davon singen. Jetzt, nachdem ihr der wahre Vergleich möglich ist.
„Nazigesindel“, ruft sie während der Nachrichtensendung im Radio und im Kino der Haftanstalt.
Korr

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