
Während des Schichtwechsels explodiert der Schachtaufzug in vier Hundert Meter Tiefe. Knapp einhundert Bergleute sitzen in den einzelnen Stollen fest. Unter Tage gibt es eine Verbindung zu einem anderen Förderkorb. Dort eilt die örtliche Grubenhilfe hin. Mittels Seilzügen kommen die Bergleute auf die unterschiedlichen Ebenen der Grube. Der Höhenunterschied zwischen den einzelnen Stollen beträgt etwa zwei bis drei Hundert Meter. Mit der Umbenennung des Bergwerkes zu Karl Liebknecht wurde dem Schacht scheinbar Gottes Segen abgesprochen. Sagten einige Bergleute nach der Explosion mit folgendem Brand.
Die sowjetischen Freunde wurden skeptisch bei dem Brand. Sergei war der Meinung, der Förderturm ist erst untersucht und abgenommen worden. Wegen der Dampfförderanlage. Es gab früher schon, seit der Enteignung, reichlich Sabotagen und Sabotageversuche. Teilweise wurde das von den Altbesitzern veranlasst. Die haben die SBZ verlassen. Sie wurden als Kriegsverbrecher eingestuft. Sie waren Unternehmer, die am Krieg mit der Beschäftigung von Zwangsarbeitern massenhaft Geld bekamen. Entsprechend schlampig wurde auch im Schacht selbst gearbeitet. Die Zwangsarbeiter taten Ihres, um den Schacht zu sabotieren.
Es dauerte keine Woche und die Ergebnisse der Untersuchungen belegten die Sabotage. Ein neuartiger Brandbeschleuniger wurde gefunden.
Marion ist sehr traurig. Viele Kunden und Bekannte von ihr sind unten im Schacht. Die Frauen tragen alle Schwarz, obwohl noch keine Meldungen über Tote eingetroffen sind.
Sergei interessiert eher die Frage, wer den Brandbeschleuniger am Korb des Aufzuges anbringen konnte. Vor allem, zu welchem Zeitpunkt das geschah. Denn Brandbeschleuniger fanden die Pioniere der Roten Armee während des Rückzuges der Nazis. Nicht den gleichen. Aber die Chemikalien verraten den Hersteller.
„Die müssen noch in der Nähe sein“, schlussfolgert Sergei.
Zuerst nimmt er sich die Einzelteile des Aufzugkorbes vor. Tatsächlich stammen die alle aus Chemnitzer Werken. Einige kommen aus Plauen. Die älteren Teile. Diese Firma hat komplett die DDR verlassen. Samt den Maschinen. Der Umzug wurde gut vorbereitet. Die amerikanischen Befreier haben dabei geholfen. Sie haben die Maschinen verladen und in den Westen transportiert.
„Wir konnten dagegen nichts tun“, schloss Sergei. „Sie waren unsere Verbündeten. Nicht ganz die, die wir erwarteten. Wir waren etwas zu gutgläubig. Die Amis haben uns aber wenig bis keinen Schaden zugefügt. Die deutschen angeblichen Sozialisten der SPD, aber um so mehr.“
Sergei spricht nicht ganz unbewusst die Spur an, die an Georg direkt gerichtet scheint. Schon in Zwickau waren diese Ganoven unterwegs. Jetzt auch in Oelsnitz.
Neben den Förderbändern für den Abraum, sind auch Stützen und Stempel betroffen. Das Grubenholz. Wer das tut, gehört des Massenmordes angeklagt. Leider wurden die Saboteure zu mild bestraft. Viele haben sich dann in den Westen abgesetzt und getan, als wären sie politisch Verfolgte. Vielen von diesen Verbrechern hat man auch noch eine politische Karriere versprochen.
Friedhelm hingegen konnte mit den Frauen zielgerichtet helfen. Zumal die Bergmänner einen Kleingarten bekamen. Mit zweierlei Effekt. Erholung und Eigenanbau.
Vom Schacht her stand reichlich Abwärme zur Verfügung. Ein Gewächshaus soll gebaut werden. Die Bergleute verlangten Salat und Gemüse, das nur im Gewächshaus angebaut werden kann. Friedhelm ist in der Beziehung ein Spezialist.

Natürlich wird wegen der Zerstörungen auch ein Wohnbauprogramm beschlossen. In den Siedlungen sollen zur Zierte – Obstbäume und Beerensträucher gesetzt werden. An jeder neuen Siedlung entsteht auch eine Kleingartenkolonie. Gleichzeitig wird auch eine große Kaufhalle samt Gaststätte errichtet. Die frisch geernteten Produkte können dort gezielt an den Mann gebracht werden. In der Gartengemeinschaft wird zwischen den einzelnen Bergleuten schon getauscht. Zur Kaufhalle werden praktisch nur die Überproduktionen gebracht.
Das System erweist sich als äußerst vorteilhaft und zukunftsfähig. Friedhelm muss nichts ändern. Es dauert nicht lange und Friedhelm wird beauftragt, seine Feldproduktion der Konservenindustrie zu liefern. In der gesamten DDR bilden sich Genossenschaften. Die Abstimmung der Produktion lässt sich jetzt gezielt für die Konservenindustrie einsetzen. Natürlich erfordert das den Einsatz von großer Technik. Genau dort setzt der Klassenfeind an mit seiner Sabotage. Der Luftraum ist mittlerweile geschlossen. Sabotagen auf den Feldern werden seltener. Die Faschisten konzentrieren sich jetzt auf Lagerbestände und Technik.
Sergei kann jetzt seine Schutzmannschaften in Lagern, Silos und Werkstätten einsetzen. Die Brigaden in den Gärtnereien und im Feldbau organisieren den Wachschutz jetzt selbst. Sie müssen aber unbewaffnet agieren. So unbewaffnet sind die Bergmänner aber nicht, wie es scheint. Sie haben immerhin ziemlich wirkungsvolle Werkzeuge. Auch Leuchtmunition. Die wird auf den Abraumhalden benötigt. Die Baggerfahrer sind den ganzen Tag allein. Fern ab von den Kollegen. Wenn die Hilfe benötigen, schießen sie eine Leuchtkugel ab.
In den kommenden Tagen werden die Kumpel sehr oft Leuchtkugeln bewundern dürfen. Auf den Halden brennt es sehr häufig in letzter Zeit. Das wirkt sich sehr auf den Gemüseanbau aus. Das Gemüse ist voller Ruß. Genau das, schmeckt man. Auch, wenn der Ruß abgewaschen ist. Auf die Kulturen im Zelt hat das keinen Einfluss. Aber, die Zelte brennen auch. Vom Funkenflug.
Sergei fängt eine große Gruppe ein. Das sind die Brandstifter. Keiner kommt aus der Gegend.
„Die sprechen nicht den hiesigen Dialekt“, sagt Sergei. Er kennt den Westdialekt zu genau. „Im Moment sind viele Autobauer aus dem Westen hier in Sachsen. Die suchen hier Arbeit.“
„Das glaube ich nicht“, antwortet Friedhelm.
„Warum nicht?“
„Die sind keine Autobauer.“
„Woran merkst du das?“
„Die Autobauer wohnen alle um Chemnitz. Hier ist keine Firma für den Autobau.“
„Dann sind die vielleicht Maschinenbauer?“
„Vielleicht. Textilmaschinen werden hier benötigt. Eventuell Bergbautechnik. Die kommt aber von dir – Genosse.“
„Was ist mit Landtechnik?“, fragt Sergei.
„Naja. Die bauen wir teilweise. Auch in Lugau und St. Egidien. Vor allem die Anbauten für Traktoren, Spezialausrüstungen und Erntemaschinen für den Landbau.“
Friedhelm bekommt von den Betrieben die Bohrer für das Pflanzen von Bäumen.
Inzwischen arbeitet seine Genossenschaft mit vier Brigaden. Er selbst kann das nicht mehr allein leiten. Er unterteilt die Genossenschaft in Landschaftsbau, Gemüsebau, Obstbau und Pflege. Der Vorteil ist die gemeinsame Nutzung der Technik. Bis auf die Spezialtechnik.
1951 wurde auf Wunsch vieler Genossenschafter endlich die DAL gegründet. Die Deutsche Akademie der Landwirtschaftswissenschaften. Endlich fanden die Forschungen und deren Erkenntnisse eine zentrale Lenkung. Der Erfolg sollte sich schon ein paar Jahre später wirklich zeigen. Vor allem, weil die Erkenntnisse auch breite Anwendung fanden. Friedhelm und seine Brigaden sind Bestandteil der Forschung als auch der Auswertung.
Etwa 120 Hektar verwaltet Friedhelms Brigade aktuell. Das Land haben die Mitglieder eingebracht. Ein Viertel der Fläche steht der Forschung zur Verfügung. Den Schwerpunkt bildet anfangs die Schädlingsbekämpfung und deren Optimierung. Gerade in Reaktion auf die Aktivitäten der Faschisten. Die haben auf konzentrierte biologische Kriegsführung umgestellt. An die Lager kommen die nicht mehr ran. Die Genossenschafter investieren erheblich in Aufmerksamkeit und Meldewesen. Die Aktivitäten Fremder werden pausenlos überwacht. Den Unschuldigen ist das zwar nicht recht. Die sind aber in der echten Minderheit. Zumal ein Großteil der Unschuldigen unbewusst benutzt werden für feindliche Aktivitäten. Die merken das erst, wenn sie
von der KVP gegriffen und durchsucht werden. Ab 1950 übernimmt das die Stasi. Im Westen setzt das große Heulen ein. Die Stasi beseitigt die Störenfriede und Saboteure ziemlich erfolgreich. Es dauert nicht lange und der Abwehrdienst greift auf ein zentrales Register zu. In dem stehen auch die Nazis als Auftraggeber. Gleichzeitig arbeiten deren Spione im Westen an der Quelle der Verbrecher. Ungefährlich ist der Beruf nicht. Deren Arbeit verhindert die schwersten Verbrechen gegen die Arbeiter und Bauern der DDR. Friedhelm wird laufend über Aktivitäten der Verbrecher informiert. Dabei geht es auch um manipuliertes Saatgut.

De Hauptangriffspunkte der Nazi konzentrieren sich zunehmend auf Messen und internationale Handelsplätze. Natürlich hat die DDR ein Interesse an echten Fortschritten. Die werden im Rahmen von Messen angeboten.
Friedhelm geht mit als Erster auf die AGRA in Leipzig und Markkleeberg. In diesem Rahmen versuchten die Faschisten, ihre Saboteure zu platzieren. Der echte Austausch fand nur in eine Richtung statt. Von Ost nach West. Friedhelm zweifelt etwas am marxistischen Konzept. Vom Kapitalisten die Wirtschaft lernen und dann im Sozialismus umsetzen.
„Oder habe ich das nur falsch verstanden?“, fragt er sich. „Die lernen doch von uns!“
Auf den Messen sieht er jedenfalls kein einziges Beispiel, von dem er lernen könnte.
„Die erfinden nur Dinge, mit denen die Ausbeutung optimiert wird. Keinesfalls der gesellschaftliche Fortschritt.“
Marion ist von den Worten Friedhelms beeindruckt. Trotzdem findet sie Beispiele, die Friedhelms Gedanken widerlegen.
„Kapitalisten liefern den ökonomischen Grundgedanken. Wir müssen den nur gesellschaftlich umformen und anwenden.“
„Unsere Kinder sind in deinen Händen wohl aufgehoben“, bedankt sich Friedhelm herzlich.
Marion formulierte den ersten Jugendauftrag an die FDJ des Ortes. Ein Gewächshaus für die Bergleute sollte entstehen. Der Plan war nicht einfach umzusetzen. Es mangelte an den dafür notwendigen Materialien. In erster Linie ging es Marion darum, den verschwenderischen Rohstoffverbrauch im Kapitalismus den sozialistischen Verhältnissen anzupassen und neu zu definieren. Das erfordert eine spezielle Logistik für Reparaturen und deren Service. Natürlich werden auch andere Materialien benötigt. Vom Einweg- zum Mehrwegsystem.
Das Gewächshaus sollte massiv gebaut werden. Der Abraum der Kohle sollte zu einer Art Betonsteinen geformt werden. Das Betonwerk des Ortes nahm den Auftrag an. Schon eine Woche später, standen die Steine bereit. Daraus wurden die Grundmauern der Gewächshäuser errichtet.
In noch offenem Zustand legte Friedhelm bereits die Gärten samt Kulturen an. An die Heizungsanbindung war noch nicht zu denken. Die musste nachgeholt werden wie die Abdeckung der Gewächshäuser. Die Werkstatt baute inzwischen eine Art Metallrahmen, in den die Fensterscheiben eingehängt werden. Bis zur Ernte muss das fertig werden. Dann beginnt bereits die Aussaat von Neuem.
Für die Wärmeabluft der Schächte benötigte niemand einen Ventilator. Man musste de warme Luft nur mit Rohren oder Schächten zu den Gewächshäusern befördern.
Wolfgang setzte dafür das gebruacht Stützholz der Schächte ein. Daraus konstruierten die Zimmermänner der Bergleute einen überdachten Kanal zu den Gewächshäusern. Wegen des Holzes war kaum mit großen Wärmeverlusten zu rechnen.
Tatsächlich funktionierte das.
Friedhelm war auch leidenschaftlicher Pilzzüchter. Ein Gewächshaus musste nicht gebaut werden. Das war eine alte Maschinenhalle. In dieser dunklen Halle setzte Friedhelm – Champignons an. Dort musste keine Abwärme hingebracht werden. Die Maschinenhalle war direkt der Bestandteil der Lüftungs- und Entlüftungsanlage mit direkter Verbindung zum Schacht.
Friedhelms Papa hat sich aufgehangen. Selbstmord. Sagt die Polizei aus dem hannoverschen Raum. Mama Gerlinde kommt auf Besuch. Sie möchte bei Friedhelm bleiben. Das ist aktuell sehr schwierig.
„Sergei. Ist da etwas möglich mit Mama?“, fragt Friedhelm.
„Ich werde versuchen, mich einzusetzen. Mehr ist da nicht möglich. Rede mal mit Georg.“
Friedhelm redet mit Georg.
„Meine Mutter ging mit meinem Vater in den Westen. Papa ist tot. Mutter möchte zu mir kommen.“
„Ich beantrage Familienzusammenführung. An unseren Behörden wird das nicht scheitern.“
Nach einigen Tagen stellt sich heraus, Papa Adolf hatte einen Kredit beantragt. Er wollte sich etwas Land kaufen. Dazu kam es aber nicht.
„Bearbeitungsgebühren sind angefallen“, sagt Mama Gerlinde.
„Wie viel?“, fragt Friedhelm.
„Etwas um die hundert D-Mark.“
„Sergei. Kannst du mir da helfen?“
„Ich rede mit dem ganz großen Bruder.“
Schon eine Woche später bekommt Friedhelm die positive Antwort. Mama Gerlinde muss Drüben alles liegen lassen. Dann kann sie gehen. Wie scheint, hat Adolf irgendwelche Gelder erhalten. Das hat Gerlinde entweder verschwiegen oder nicht gewusst. Sie wird ganz sicher verhört vom SMAD.
Kaum ist Mama angekommen, wird sie abgeholt von Sergei. Nach knapp zwei Tagen bringt Sergei – Gerlinde zu Marion. Friedhelm ist auf den Feldern. Er inspiziert auch gerade diverse Straßenränder und Neubaugebiete.
Gerlinde hat Sergei einiges zu Erzählen. Vor allem über den Tod Adolfs. Ihren Mann. Der wurde von Gehlen, einen alten Nazi verraten und schwer beschattet. Auch erpresst. Weil sie Siedler für das Reich und dort angeblich verschuldet waren. Immerhin bekamen Adolfs Eltern das Siedlerland vom Deutschen Reich zugewiesen. Auch die dazu gehörigen Darlehen. Gerlinde vermutet, die Nazikumpanen von Gehlen befinden sich in der DDR. In ihrer Nähe. Sie befürchtet auch, Adolf hätte sich nicht selbst gehängt. Er musste sterben, weil Friedhelm in der DDR arbeitet und dort gut angenommen wurde. Die Gehlen-Nazis wollten Adolf zu einem Spion machen. Eben, wegen der Nähe zu Friedhelm.
Sergei ahnte bereits, was Gerlinde zu berichten hat. Offensichtlich hat Sergei seine Ohren auch im Westen.
„Wir vermuten, ihr Mann wurde von den Nazis ermordet.“
„Das schätze ich auch. Ich kann das aber nicht beweisen.“
„In den Kreisen können wir sehr schlecht etwas beweisen. Wir versuchen trotzdem, ihnen zu helfen. Herzlich willkommen in der DDR. Friedhelm ist gerade mit einem Konvoi unterwegs. Er inspiziert die Straßenränder und Neubaugebiete.“
„Unser Papa wollte sich im Westen ähnlich nützlich machen, wie hier Friedhelm. Das ging leider schief. Er wurde angeblich nicht gebraucht. Für dieses Deutschland haben wir mal gekämpft.“
„In den kommenden Jahren werden das noch einige Deutsche bereuen.“ Sergei lächelt etwas bei der Feststellung. „Das gibt aber den Faschisten die Möglichkeit, hier sehr viele Spione und Saboteure zu platzieren.“
Trotzdem hat Sergei genug erfahren, um die Gruppe in der Umgebung auffliegen zu lassen. Gerlinde hat von einem Treffpunkt berichtet, den nur Adolf kannte.
korr270426

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