
Walter war der Wachschutz für die Genossen. Viele vermuten, er ist es heute noch. Schon zu Zeiten der Faschistendiktatur mussten die Genossen mit einer Untergrundarmee ihre Kader vor den Übergriffen der Nazis schützen. Es wurden Partisanengruppen aufgebaut. Die Leiter dieser Gruppen bekamen den Auftrag, das Volkseigentum auch in der DDR zu schützen. Dabei half ihre erweiterte Erfahrung aus diversen Konzentrationslagern. In den KZ’s erfuhren sie persönlich den Umgang mit extremer Folter an ihrem Körper. Nicht selten wurden sie zu Krüppeln gefoltert. Während im Westen die Folterer extra Renten, Posten und Prämien bekamen, erhielten die Opfer dieser Soziopathen und Völkermörder, Invalidenrenten. Die Gesellschaft musste praktisch für die Opfer mit arbeiten. Das ist die nachhaltige Wirkung des Tuns dieser Faschisten neben der Zerstörung jeglichen Lebens und jeglicher gesellschaftlicher Errungenschaften. Faschismus ist das Instrument entfesselter krimineller Konglomerate, die mit allen Mitteln eine Monopolstellung anstreben.
Hannes wollte jetzt, wie seine gesamte Familie, die Untaten dieser Verbrecher von Anfang an unterbinden und bekämpfen. Legal. Nicht im Untergrund. Die KPD, der SMAD und die SED gaben ihm dafür die nötigen Befugnisse. In Form der Volkspolizei. Die Mitglieder der Volkspolizei sollen ausnahmslos von Arbeiterfamilien gestellt werden. Hannes und seine Familie erfüllen die Bedingungen. Die Bedingungen sind ideologischer Natur. Sie erfordern ein festes Klassenbewusstsein.
Es geht nicht nur darum, das Volkseigentum zu schützen. Das Leben und die Gesundheit der gesamten Gesellschaft zu schützen, ist ihr erster Auftrag. Ihr Auftrag ist damit friedlicher Natur im Sinne der gesamten Bevölkerung. Grundlage bildet in der DDR die Ideologie der Kommunisten. Gesetzlich fundiert. Frei von Ausbeutung, sind die Menschen in der Lage, Höchstleistungen zu bringen. Nicht als Ergebnis von Druck oder Erpressung. Sondern in Form des natürlichen Wunsches, für sich und die Angehörigen ein besseres Leben zu verwirklichen. Im Kapitalismus ist das unmöglich. Das sollen alle Arbeiter und Bauern wissen. Ihre Erziehung verhinderte das bisher. Die einzelnen Mitglieder der kapitalistischen Gesellschaft stehen untereinander in Konkurrenz. Das ist der Zweck dieses Systems. Kapitalismus ist aus dem Grund ein niederes Gesellschaftssystem. Ein höheres Gesellschaftssystem fördert alle Mitglieder der Gesellschaft. Gemeinsam. Ohne Ausnahme. In Konkurrenz geht das nicht. Dort gibt es Verlierer und Gewinner. Selbst Tiergemeinschaften haben einen höheren Entwicklungsgrad.
Hannes kennt also das Ziel seiner neuen Heimat samt Volkskammer und den sowjetischen Freunden.
Nach der Weiterbildung darf Hannes drei Tage in der Woche in der Kaserne dienen. Die Kaserne befindet sich im Nachbarort. Er steht an Schwerpunkten der örtlichen Industrie – Wache. Voll bewaffnet. Nicht wie in der KVP. Das schreckt die Westsaboteure zwar scheinbar ab, bringt aber auch ein höheres Niveau in die Abwehrtätigkeit. Die Saboteure sind jetzt auch schwer bewaffnet. Hannes führt jetzt eine Wachkompanie. Sein Vorgesetzter dient in Leipzig. Ein Mal in vierzehn Tagen muss er nach Leipzig. Zum Rapport.
Der Kompaniefunk meldet einen Einbruch in der Burg Rabenstein. Zwei alte Schlosspistolen sind gestohlen worden. Die Autobahn befindet sich in der Nähe. Dieter befürchtet die Flucht. Die Kollegen haben bereits Straßensperren eingerichtet. Den Spuren zufolge handelt es sich um eine größere Gruppe. Weitere Einbrüche sind zu befürchten wenn die Fluchtlinie steht. Hannes verteilt in Dieters Auftrag seine Kompanie auf vier potentielle Museen. Drei Burgen und ein Geburtshaus. Er erwartet einen Raubversuch. Juri, der sowjetische Kommandeur des Kreises, hat Hannes informiert. Er stellt ein paar Helfer.
Die Nächte scheinen endlos. Hannes hat sich schon ein paar Tage lang zu Hause nicht sehen lassen. Marlies ist etwas besorgt. Sie befürchtet, ihre Hochzeit fällt aus. Nach zehn Terminverschiebungen. Jetzt trägt sie bereits das erste Kind. Hannes weiß es noch nicht. Ein Bote vom Wehrkreiskommando meldet sich bei Marlies.
„Hannes geht es gut. Er sitzt mit seinen Kollegen auf Wache. Sie wollen ein paar Diebe und Saboteure fangen. Das ist eine Bande.“
„Ist das gefährlich?“
„Für Hannes weniger.“
Der Bote möchte Marlies beruhigen. Das nützt bei Marlies wenig. Sie kennt die Gegner zu genau. Marlies bietet dem Boten an, die Nacht bei ihr zu bleiben. Er möchte sich nächtlich nicht allein draußen in Uniform bewegen. So sicher ist es im Moment nicht. Nicht mal motorisiert. Es gibt aktuell zu viele Zwischenfälle. Die Anstrengungen der Nazis, den Krieg nachträglich im Hinterland vom Westen aus zu gewinnen, stoßen in der DDR auf eine entschlossene Gegenwehr. Nicht zuletzt auch bei den sowjetischen Freunden. Schließlich ist die DDR als Teil der Abfindung samt Reparation an die Sowjetunion gedacht. Dort hat der Naziwesten nichts zu suchen. Im Gegenteil.
Die ewig scheinenden Versuche der Nazis aus dem Westen stumpften bisweilen das Gemüt von Marlies etwas ab. Sie sah darin schon fast eine Normalität. Ihr erschien die investierte Zeit, sich dem Thema zu widmen, als pure Verschwendung. Später sah sie den Irrtum ihrerseits ein. Das bemerkte sie bei ihrer Arbeit. Sie arbeitete als Sekretärin beim Garten- und Kleintierzüchterverein ihres Ortes. Genau dort bekommt sie die Einflüsse der Nazis aus dem Westen direkt zu spüren. In den Listen und Grundbüchern sind Eigentümer verzeichnet, die sich verdrücken mussten. Einfach zu enteignen gingen die nicht. Marlies benötigt dafür Urteile. Mindestens die Anerkennung als Kriegsverbrecher. Juri, der Kommandeur der Roten Armee, soll die Urteile liefern.
„Der Westen spielt nicht mit“, gibt er auf die Anfrage zu verstehen.
„Kannst du mir die Wohnanschrift der Leute besorgen?“
„Ich versuche mein Bestes. Aber glaub mir, die melden sich nie.“
„Dann müssten wir höchstens eine Mitgliederversammlung einberufen und die Enteignung beschließen.“
„Zumindest gibt es einmal im Jahr einen Steuerbescheid. Wenn der nicht erfüllt wird, erübrigt sich ein weiteres Vorgehen,“ sagt Juri. Er scheint sich gut auszukennen im Vollzug.
„Dann folgt die automatische Enteignung“, ergänzt er. „Eigentum verpflichtet.“
Marlies sieht das jetzt wesentlich gelassener. Nur nicht die Meldung über Hannes. Sie ist schwanger. In der Lauerposition darf Hannes keinen Funk benutzen. Das Telefon schon gar nicht. Dafür kann aber der Bote die Nachrichten übermitteln. Die Sowjets verschlüsseln alle Meldungen untereinander. Die Polizei zwar auch. Aber keiner ist sich sicher, ob dort vielleicht Spione sitzen. Das wäre für Hannes zu unsicher. Marlies sieht das ein. Der Bote verschafft ihr aber auch etwas Sicherheit. Die weiß Marlies zu schätzen. Zumal der Bote auch Beziehungen zu Lebensmitteln hat. Er bringt die Lebensmittel aus dem Magazin der Roten Armee mit. Und die findet Marlies sehr gut.
Die Fallen und Entbehrungen haben sich gelohnt. Die Verbrecher wurden in Burg Kriebstein gefasst. Offensichtlich wollte eine Familie aus Ostpreußen ihr Raubgut zurück klauen. Die wurden schon vor ihrer Flucht als Kriegsverbrecher identifiziert.
Die Nachricht von der Roten Armee mit den Erkenntnissen ließ nicht lange auf sich warten. Hannes kam nach der gelungenen Festnahme der Saboteure wieder zu Marlies zurück.
Die Zwei können endlich heiraten. Beide ziehen nach Leipzig in das Wohnviertel nahe der Kaserne der NVA. Marlies entbindet ihr erstes Kind.
Im Laufe seiner Dienstzeit hat Hannes noch sehr viele solcher Einsätze. Oft auch bewaffnet mit Schusswechseln. Nicht nur an Museen. Neuerdings an Staumauern, Eisenbahnknotenpunkten und in verschiedenen Werken der Erstproduktion. In der Erstproduktion werden vor allem Vorprodukte und Werkzeuge hergestellt. Das sind die Hauptangriffspunkte des Westens. Die müssen militärisch geschützt werden. Hannes bekommt dort die Aufgabe eines Kompanieführers. Seine Erfahrungen von der KVP werden in der NVA benötigt.
Marlies erwartet bereits das zweite Kind. Die Strukturen der Nationalen Volksarmee sind für die Familien der Soldaten gut vorbereitet. Von der Kindergrippe bis zur Schule ist alles dabei.
korr090526

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