Hannes Fortsetzung

Mölten
Ein QR-Code mit einem eingebetteten Bild von Bäumen und einer Wiese im Zentrum.

Der Erfolg im Zusammenhang mit den Dieben und Saboteuren wird in der Kompanie natürlich gefeiert. Hannes trifft das auf dem linken Fuß. Der Umzug, die Vaterschaft und die körperliche Anstrengung ließen Hannes schnell auf Alkohol reagieren. Hannes verlor die Kontrolle über seine Soldaten. Ein Unfall war die Folge. Kein tödlicher. Aber ein tragischer. Sehr viel Sachgut wird beschädigt. Hannes bemerkte nicht die Trunkenheit seines Fahrers. Hannes trägt die Verantwortung. Ein Disziplinarverfahren findet statt. Hannes muss seinen Dienst bei der NVA beenden.

Generaloberst Peter vermittelt Hannes eine Stellung als Brigadier beim Straßenbau. Nicht in Leipzig. In Grüna. In seinem Heimatort. Die Familie zieht wieder nach Grüna um. Papa Hans und Mutter – Gerda freuen sich darüber. Hannes weniger.

Ein anderes Leben beginnt. Ein ziviles. Ausgerechnet im Straßenbau. Der Vorgesetzte von Hannes in Leipzig, Dieter, hat ihm die Stelle vermittelt. Dazu auch die entsprechende Ausbildung in einem Pionierregiment.

Hannes geht nach der Entlassung bei der NVA nebenbei zur Abendschule und leitet eine Brigade vom Straßenbau. In der Schule wird ihm das benötigte technische Grundwissen vermittelt. Hannes lernt schnell.

Marlies nimmt die Stelle als Buchhalterin im Kleintierzüchterverband wieder an. Der Verband leitet auch den Gartenverein des Ortes. Genug Arbeit ist ihr gewiss. Die Organisation der Kleintier- und Gartenvereine ist ein Bestandteil der Volksversorgung nach dem Krieg. Hier hat Marlies die Möglichkeit, Parteibeschlüsse direkt weiterzuleiten. Das ist wichtig. Dem Schwarzmarkt musste dringend der Kampf angesagt sein. Für Überschüsse in Gärten und bei Kleintieren wurden erhöhte Aufkaufpreise angeboten. Damit hat die Partei eine Stützung der Lebensmittelproduktion eingeführt. Außer zu gewissen Anlässen, haben Wucherer keinen großen Vorteil von höheren Preisen. Die Grundversorgung geriet damit in die Hand staatlicher Strukturen. Die Genossen erhielten die Kontrolle über die Preise der Grundnahrungsmittel. Sie waren sich einig, über die Preise kann der Klassenfeind einen gewissen Einfluss auf die Stimmung unter dem Volk ausüben. Gepaart mit Propaganda, kann das leicht zum Aufstacheln der Bevölkerung genutzt werden. Hannes ist der Meinung, 1953 haben das die Faschisten aus dem Westen schon einmal getan. Er war nicht der Einzige mit dieser Meinung. In der Partei und bei den Behörden wurde das diskutiert. Jetzt jedenfalls sind seine Freunde und Genossen wachsamer geworden. Wohl in dem Wissen, in den Kreisen wechselt man sich ab mit den Provokationen. Jetzt wäre eigentlich die Kirche wieder mal dran. Die alten Verbündeten der Nazis.

Hannes muss nicht lange warten. Neben dem Bauhof der Straßenmeisterei befindet sich die Einfahrt zur Feuerwehr. Man teilt sich gelegentlich die Ausrüstung. Auf dem Platz, der auch als Gemeindezentrum gilt, befindet sich wie gewohnt der Tempel. Die hiesigen Pfarrer tun das nicht wie die Benutzer der Tempel, aber in etwa der gleichen Form. Sie jammern und drohen von einer Kanzel. Die soll eine gewisse Überlegenheit suggerieren. Das hörige Volk soll gefälligst aufschauen zum Vertreter Gottes. Immerhin muss dem hörigen Volk ein sichtbarer Beweis der Einbildung präsentiert werden. Wer so geübt ist bei der Täuschung der Massen, ist natürlich prädestiniert genug für höheren Aufgaben. Mit etwas Raubgold kann man dabei schon etwas nachhelfen. Schließlich benötigen die Tempel reichlich Blendwerk. Nur mit reichlich Blendwerk lässt sich die Wahrheit und das arme Volk beeindrucken. Genau dort liegt der Irrtum dieser Sekte. Im Sozialismus gibt es kaum armes Volk. Vielleicht ein paar trauernde Ganoven. Oder Hinterbliebene von unschuldigen Opfern der Ostfront. Wer bewaffnet in ein fremdes Land eindringt und dort Millionen Menschen umlegt, kann sehr schlecht unschuldig sein. Man trauert also wegen der berechtigten Niederlage. In der DDR wurde das staatlich jedenfalls nicht belohnt. Im Westen schon. Dort trauert man gern für den Verlust von Raubgut.

Der Pfarrer der hiesigen Kirche ist Julius. Der Name passt zu seinem Werk. Er steht täglich vor leeren Kirchenbänken und predigt. Die ungläubigen Tempelwände antworten ihm mit den Worten, die er von sich gibt. Die Verzweiflung lässt ihn bisweilen an Gottes Gaben zweifeln. Das Spendennapf bleibt leer. Julius hungert aber nicht. Wer zahlt ihm sein stattliches Gehalt? Immerhin ist seine Tafel zu Hause von reichlich Lebensmitteln gesegnet, die dem Volk bisher erspart bleiben. Es sei denn, das Volk hat genug Mittel um den Schwarzmarkt zu bedienen. Unbemerkt können die Begünstigten das aber nicht tun. Der Markt wird permanent beobachtet. Nicht wegen der Käufer. Eher wegen der Händler mit ihren Beziehungen. Die Behörden möchten natürlich die Lieferanten und Hehler kennen lernen. Genau dabei fällt ihnen Julius auf. Die Händler mit der Schmuggelware sind eifrige Kirchengänger. Nachdem die Stasi deren Lieferwege ausfindig gemacht hat, werden für Einige die Räume zu eng. Sie versuchen, sich abzusetzen. Einen jedoch lassen sie im Stich. Den Hehler Nummer Eins. Julius. Die Lieferanten denken, Julius bleibt unberührt wegen der Kirche und der Glaubensfreiheit. Hannes hat aber jahrelang genug Beweise geliefert, die von der Geschäftstätigkeit des Pfarrers zeugen. Julius gerät langsam in Verzweiflung. Wöchentlich wird er einbestellt für Zeugenaussagen bei der Festnahme von Schwarzhändlern. Dieter aus Leipzig ist jetzt der Leiter der sächsischen Stasi. Er hat den Ring gesprengt. Marlies hat ihm geholfen dabei. Bei Julius in der Kirche wurden aber nicht nur Lebensmittel und Pakete aus dem Westen entdeckt. Hinweise für Verstecke von Waffen und Munition waren dabei. Verschlüsselt. Julius erfährt von seiner Festnahme. Er geht vor die Kirche auf den örtlichen Marktplatz, übergießt sich mit Benzin und zündet sich an. Er dachte vielleicht, das Fegefeuer rettet ihn vor der Buße bei seinem Herrgott. Keine Chance. Hannes war gerade in der Feuerwehr. Er sprach mit den Kollegen einen Einsatz ab. Der galt Alleebäumen in seinem Wirkungsbereich. Die Feuerwehrmänner löschten den Pfarrer. Ein paar leichte Verbrennungen musste Julius beklagen. Die retteten ihn aber nicht vor dem Richter.

Den Vorfall hat ein Zeuge fotografiert. Die Fotos tauchten ein paar Tage später in der Westpresse auf. Mit den dazu gehörigen Märchen, die Stasi würde Pfarrer auf offener Straße verbrennen. Mit dem Foto konnte die Stasi ermitteln, aus welcher Richtung das Bild aufgenommen wurde.

korr120526

Antwort

  1. […] Hannes Fortsetzung […]

    Like

Hinterlasse einen Kommentar