Albert der Bergmann

Albert wurde, wie viele politisch Belasteten mit Nazinähe, von den sowjetischen Besatzern gefragt, ob sie sich ihm Bergbau bewähren möchten. Die Formel lautete Drei für Eins. Man diente drei Tage und bekam einen Tag Straferlass.

Nach dem Dienst in Oelsnitz, ging Albert freiwillig in die Erzgrube der Nickelhütte.

Albert selbst konnte im Rahmen der Auswertung diverser Dokumente von der Nazibesatzung der Sowjetunion kein direktes Kriegsverbrechen nachgewiesen werden. Trotzdem beging er als Mitglied der NSDAP und der Wehrmacht ein kollektives Kriegsverbrechen. Die SMAD als auch die Nachkriegsregierung der DDR sahen schon einen Bedarf an aktiver Reue von Seiten Alberts. Albert versuchte nie, sich mit der Ausrede betreffend seiner Erziehung oder seinem Alter für seine Taten zu entschuldigen. Er wollte für seine Fehler gerade stehen. Insgeheim spekulierte er mit einer Begnadigung.

In tausenden Gesprächen und Schulungen sollte Albert vom schändlichen Tun der Nazis überzeugt werden. Langsam gelang der Prozess. Mittels Schriftstücken, Film- und Tonaufnahmen wuchs die Überzeugung bei Albert, echtes Unrecht getan zu haben.

In der Nickelhütte gab es Produktionsbereiche, die nachweislich sehr gesundheitsschädlich waren. Genau da wollte Albert Buße leisten. In der Mineralwolle – Abteilung. Mineralwolle ist eine Art der Glaswolle, die zur Dämmung eingesetzt wird. Bei der Verarbeitung müssen die Arbeiter Masken tragen. Die gebrochenen Glasfasern, welche in der Luft umherfliegen, verursachen eine Bergmannskrankheit: Silikose. Außerdem sind die Fasern die Ursache für ein gewaltiges Jucken auf der Haut. Im Zusammenhang mit Schweiß des Körpers, entsteht der Eindruck, als bekäme man tausende kleine Nadelstiche. Die Haut wird permanent gereizt dadurch. Der Eindruck einer fortdauernden Tätowierung entsteht. Auch die Arbeitsschutzkleidung nimmt die Millionen von winzigen Nadeln auf. Selbst die Haare. Duschen oder Baden mit warmem Wasser wird zu einer Herausforderung.

Albert wuchs als Einzelkind von Sturmbannführer Gotthart und der Gefängniswärterin Hildegart auf. Schon im Alter von neun Jahren wurde er von den Eltern in die Hitlerjugend eingeführt. Dazu gehörten Trainingslager. Schon Kinder sollen spielend entmenschlicht werden. Auch die Handhabung von Waffen und die Ausbildung an der Flak gehörte zum Alltag.

Genau diese Erfahrung benötigten die Bergmänner der Erzgrube. Es geht um fachliche Anwendung von Sprengstoff. Albert wird natürlich dadurch ein bevorzugtes Ziel der Kontrolleure der SMAD und er Stasi. Nickel ist ein begehrtes Erz in der Stahlproduktion der Sowjetunion. Und nicht nur der sowjetischen Eisenschmelzer. Die Dichte des Erzes und die leichte Förderbarkeit waren sehr interessant.

Beim Einsatz im Tagebau stellte sich peinlicher Weise heraus, die Kenntnisse von Albert waren sehr begrenzt für die erforderlichen Anforderungen. Albert mochte deswegen lieber in der Mineralwolle arbeiten. Er glaubt, dort wesentlich nützlicher zu sein.

Tatsächlich stellt sich schon nach einer Woche in dieser Abteilung heraus, Albert leidet an schwerem Ausschlag. Im Krankenbett macht er sich Gedanken, wie das zu vermeiden wäre. Seine Kollegen empfahlen ihm, statt warm, kalt zu duschen. Das schlösse die Poren und keine Faserstücke kommen dort hinein. Zu Hause könne er dann warm duschen, wenn er denn will.

Das kommende halbe Jahr leidet er an unendlich vielen eitrigen Pickeln auf dem gesamten Körper.

Er bekam eine Kur. Die Faserrückstände wurden von seinem Körper ausgestoßen und fachmännisch entfernt. In einem Jahr war er wieder der Alte. In der Zwischenzeit arbeiteten seine Kollegen bereits in Vollschutz. Man führte am Band einen Zwei-Stunden-Wechsel ein. Am Mattenband hingegen änderte sich kaum etwas.

Albert schlägt die Neuerung vor, die Matten einfach einzupacken. Die ersten Versuche wurden mit einer Art Packpapier unternommen. Das reagierte aber bei feuchten Dämmungen. Daraufhin folgte eine Versuchsreihe mit einer Hanfverpackung. Der musste aber gegen Feuchtigkeit veredelt werden. Imprägniert. Das schlug in die Kosten und war damit untauglich. Dazu benötigte man eine Lieferkette für Hanffasern. Die wurden aber für wesentlich andere wichtige Produkte benötigt.

Ersatz musste gefunden werden. Genau das beschäftigte Alberts Gedanken. Er war nicht der Einzige auf Kur und im Krankenhaus mit den gleichen Problemen. Alle die Kollegen haben Eins gemeinsam. Sie waren im Gefängnis wegen ihrer Vergangenheit. Nicht alle wegen der Mitgliedschaft in der NSDAP. Unter ihnen sind Schmuggler, Schwarzhändler und Hehler. Genau das sind die Fachleute für Lieferketten. Vom Kriminellen zum Ökonom. Nicht umgedreht. Dieser Wunsch entfaltete sich in den Köpfen der Betroffenen. Ihr Wunsch sollte noch wahr werden.

Wie gewohnt zu der Zeit, hatten die Genossen der Partei das Ohr genau an dieser Quelle. Rückfälle müssen verhindert werden. Für alle Beteiligten. Es geht um Menschen und Familien.

Klaus, ein Genosse, kümmert sich um Albert. In dieser Zeit entwickelt sich eine Freundschaft zwischen den Beiden. Klaus arbeitet nicht in der Mattenproduktion. Er ist ein Jungingenieur. Fertig mit dem Studium ist er noch nicht. Er studiert auf Abendschule. Der Betrieb hat ihn delegiert. Er sucht sich sein zukünftiges Betätigungsfeld. Mit Alberts Anliegen hat er es gefunden. Davon verspricht er sich auch eine gewisse Zukunft.

Klaus hat keine Wohnung. Früher wohnte er neben dem Büro auf Arbeit in einer Kammer. Familien sollten die ersten Wohnungen bekommen. Er wollte in der Beziehung ein Vorbild sein und sich nicht vordrängen. Im Büro arbeitet Kerstin als technische Zeichnerin. Sie ist die Tochter von Altingenieur Walter. Sie macht zu Hause die Hausarbeit. Mama Beate ist leider verstorben. Walter hat nicht neu geheiratet. Angeblich hat er keine Zeit.

„Willst du mich heiraten“, fragte Kerstin – Klaus. Klaus konnte bei dem Anblick nicht nein sagen. Kerstin hat ihn in einer recht dünnen Schürze gefragt und ihn dabei die groben Konturen des Inhalts leicht erraten lassen.

„Ich kann nicht nein sagen. Du hast eine Wohnung.“

Das unschuldige Argument überzeugte Kerstin.

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Die Hochzeit feiern Beide sofort in der gleichen Woche. Die Gaben der Genossen fallen recht üppig aus. Sie wissen. Beziehungen.

Eigentlich wundert das Keinen. Im Grunde sind in der Partei Genossen aus allen Bereichen der Gesellschaft. Genossen heißen so, weil sie sich untereinander helfen. Wer also keine Genossen hat, bekommt eben etwas weniger Hilfe. Er braucht ja nur Genosse werden mit den entsprechenden Verpflichtungen. Das ergibt Beziehungen. Ganz so ist es nicht bei organisierten Handwerkern oder Mitgliedern anderer Parteien untereinander. Aber ähnlich. Es gibt also keinen Grund, sich das Maul zu zerreißen.

Trotzdem trifft Albert ein paar solcher Kollegen.

„Du hast wohl keine Freunde?“, ist die fragende Teilantwort. „Dann willst du auch nicht tauschen und keine Verpflichtungen eingehen.“

„Was kann ich dafür tun?“, antwortet Günter.

„Die Genossen führen jeden Samstag Subbotniks durch. Sie helfen an den Tagen Bedürftigen, der Gesellschaft als Ganzes aber auch Genossen. Genau in dieser Reihenfolge.“

„Wo kann ich mich einschreiben?“

„Geh einfach hin und der Rest geschieht von allein. Das Sekretariat schlägt die Subbotniks auf der Tafel an. Im Speisesaal.“

„Oh. Die habe ich auch schon gesehen.“

„Bei dem Absender kannst du dich auch direkt anmelden hier im Betrieb.“

Albert kennt noch nicht alle Namen der Kollegen persönlich. Fragen will er nicht. Das erfährt er bei Gelegenheit. Albert ist kein Genosse, berichtet aber von dem, was ihm widerfuhr. Die Arbeit der Genossen hat ihn überzeugt. Er bewirbt die Genossen förmlich aus Überzeugung. Dank der Freundschaft zu Klaus und Kerstin.

Klaus erfährt wegen der Anfrage Günters von der Vermittlung durch Albert. Er spricht die Zwei an, ob sie nicht eine Gruppe oder ein Kollektiv gründen möchten.

Albert ahnt, was Klaus vor hat. ‚Er möchte mich zum Brigadier machen und mir eine Brigade aufdrängen‘, denkt er sich.

Albert liegt falsch. Klaus wird der Brigadier. Klaus ist von Makarenko beeindruckt. Einem sowjetischen Pädagogen. Nach dessen Vorbild möchte er die Straftäter und Häftlinge erziehen.

Kerstin steht mit ihrem Gefühl und Wissen hinter Klaus.

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Beim Mittagessen gibt Albert den Aufruf zur Versammlung der Brigade an der Anschlagtafel bekannt. Das Erscheinen ist Pflicht. Keiner wird sich davor drücken. Jeder weiß, das ist eine Bewährung. Zusätzlich gibt er das mündlich bekannt. In Wirklichkeit hat keiner der Kollegen irgendetwas Anderes vor.

„Bereitet euch gut vor. Es gibt Wahlen zum Brigadeführer und Beschlüsse müssen gefasst werden. Die einzelnen Vorschläge hat Kerstin bereits gedruckt.“

Albert ist beeindruckt von den Vorschlägen, die Klaus dort fixiert hat. Er vermutet richtig, Kerstin steht dahinter. Wenn nicht sogar die Partei. Klaus und Kerstin sind Mitglieder der SED. Die Brigade um Albert ist ein Teil ihres Parteiauftrages.

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