
Gustav hat als Chefkoch auf den Passagierschiffen der gleichen Gesellschaft gearbeitet wie Heinz. Er kommt aus Danzig. Er hat zusammen mit Heinz die Passagiere der Schiffe bedient.
Natürlich wird ihm von den sowjetischen Befreiern der gleiche Vorwurf unterstellt wie Heinz. Waffenschmuggel auf Passagierschiffen und damit Fluchthilfe für Nazikriegsverbrecher.
Gustav sagt, ihm wäre das so nicht bewusst gewesen. Die gleiche Argumentation wie die seines Freundes Heinz. Die Offiziere der sowjetischen Befreier denken natürlich, das wäre ein spezielles Erziehungsmuster der Nazis. Bei der Überprüfung der Lehrmaterialien wird die Vermutung bestätigt.
Bei den endlos erscheinenden Verhören stellen sie einen Widerspruch bei Gustav fest. Die nazistische Ideologie hat nicht den Weg in Gustavs Kopf gefunden. Der Kopf steckt aber voll mit wirklich brauchbaren Fachkenntnissen. Die Offiziere entdecken einen zutiefst humanen Gedanken in Gustavs Kopf und in seinen Handlungen. Er soll eine Bewährung bekommen. Gustav nimmt dankend an. Nach der Sichtung der vielen Materialien, die sich in Gustavs Zimmer in Danzig befinden, sind die Befreier der Meinung, Gustav ist ein brauchbarer Archivar. In der Folge wurde Gustav in das städtische Archiv in Aue geschickt. Von dort kam ursprünglich seine Familie. Dort hat er seine Ursprünge gesucht. Er kennt das Stadtarchiv.
Die Stadt hat ihn auf einer Versammlung angesprochen, ob er das Archiv nicht führen will. Der Vorgänger hätte sich mit einigen Unterlagen von Nazis aus der Region abgesetzt.
Der Kommandeur – Michail wäre einverstanden mit Gustav. Trotzdem drückt ihn auch noch ein zweiter Schuh. In Aue befindet sich eine Fachschule für das Handwerk. Zumindest im näheren Umkreis soll die Fachschule für Ernährung angesiedelt werden. In der Region arbeiten sehr viele Berg- und Hüttenfachleute. Die sollen eine entsprechende Ernährung sichergestellt bekommen. Michail denkt in erster Linie an den Wismut – Abbau. Die Arbeiter und Bergleute benötigen eine besondere Gesundheitsfürsorge. Wismut ein sowjetisches Unternehmen. Deutsche dürfen kein strahlendes Erz abbauen und verarbeiten. Gustav ist das bewusst.
„Sie haben Ernährungslehre gelernt. Wir möchten sie als Lehrer in der Fachschule für Handwerk. Hauptsächlich für Bäcker und Köche.“
„Das würde mich sehr interessieren“, gibt Gustav zu. Wohl auch mit dem Blick auf ein festes Gehalt.
„Wir schulen sie noch einmal gründlich. In ihren KDF – Schulungen haben sie schon die Grundlagen für die gesunde Ernährung gelernt. Ihr großer Chef wollte gesunde Soldaten und sehr gesunde Mütter für Nachwuchs. Das haben wir gelesen.“
„Ich kann mich sehr gut erinnern.“ Gustav antwortet etwas kurzatmig. Nicht zu sehr ausschweifend. Details der Ausbildung verschweigt er bewusst. Michail kennt die Details ohnehin. In den Zeiten waren die Hochschulen, Befruchtungsstationen für arischen Nachwuchs.
Die Universitäten waren beauftragt, nur reine Arier studieren zu lassen. Die anderen sollten entweder durchfallen oder per Auslese, aussortiert werden. Neben gezielter Schikane, Ausgrenzung und der fortwährenden Demütigung der Betreffenden, wurden auch Verhöre durch die örtliche Gestapo durchgeführt. Nicht selten splitternackt, um die Demütigung der Verhörten zu steigern. In besonderen Fällen wurde Folter im Schambereich angewandt. Nicht selten wurden Rote sofort ins KZ überwiesen.
Michail hatte bereits die Aussagen von Betroffenen in seinen Akten. Er wollte nur ermitteln, in welchen Umfang seine zugewiesenen Personen beteiligt waren oder davon wussten.
Gustav ist von den Schilderungen der Betroffenen erschüttert. Es gab Filme aus diversen sowjetischen Archiven. Gustav lehnt die weitere Betrachtung des Materials ab.
„Gehört hatte ich davon. Nicht selten bei Gesprächen auf unserem KdF-Dampfer. Die Wachen protzten mit ihren Taten untereinander.“
„Dann sind sie gut vorbereitet für ihre Rehabilitation“, erwiderte Michail. „Ich hoffe, sie werden Mitglied in der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft. Die Beitragsgebühren lassen wir den Opfern und Hinterbliebenen zukommen. Nicht nur die Beitragsgebühren. Auch Bestandteile der Steuern und Abgaben. Sie arbeiten in einem Kollektiv von zehn Personen für ein sowjetisches Opfer mit.“
„Irgendwie freut mich das ganz besonders. Wobei ich der Meinung bin, das macht die Sache nicht automatisch wieder gut.“
„Naja. Aktuell lassen wir die Gefangenen, auch Offiziere und aktive Nazis, den Schaden in der Sowjetunion wieder aufräumen.“
„Das ist eine gute Idee! Wer hatte die?“
„Genosse Stalin. Unser Vorsitzender. Er vertritt die Meinung seit unserer Oktoberrevolution“
„Ich habe gehört, die Idee ist nicht neu. Der Zar hat das auch praktiziert?“
„Schon. Beim Zar gab es aber sehr viele Opfer nach Krankheiten und Seuchen. Gerade das führte eben zur Oktoberrevolution. Zar Peter erfand das System nicht neu. Er lernte das von den Kolonisten aus Frankreich, Spanien, Schweden, Deutschland und England. Mit einem Unterschied. Zar Peter nutzte das System, um eigene Gefangene nützlich einzusetzen. Natürlich unter einem feudalen zaristischen System. Mit diesem System ermordeten die Kolonisten weltweit hunderte Millionen Menschen. Goebbels brüllte nur über die Russen. Nicht über seine Völkermorde.“
„Verstehe. Wir werden das verhindern hier bei uns. Darin sehe ich meine Aufgabe.“
„Ich stelle sie gleich den Lehrern vor. Wir reden uns untereinander mit du an.“
„Verstehe Micha. Ich bin Gustav oder Gustl. Denkt euch einen Rufnamen aus.“
Michail nimmt Gustav mit zur Lehrergruppe. Alle haben studiert im Exil nahe Moskau. Die Schule musste mehrmals umziehen wegen des Krieges. Viele Kommunisten waren schon vor dem Krieg dort zu einem Studium des Marxismus. Meist in der KUNMS und KUTW. Die Fakultäten mussten leider geschlossen werden. Es waren zu viele Verräter und Trotzkisten mit eingetragen. Sie begingen Sabotagen und haben andere Genossen mit falschen Beschuldigungen angezeigt. Viele wurden auch das Opfer dieser Verleumdungen. In dem Sinne, sind diese angeblichen Genossen – indirekt wirkende Spitzel und Anstifter zum Vollzug von Gerichtsurteilen in der Sowjetunion. Gustav kannte das Beispiel auch aus den Reihen der Schiffsbesatzungen. Dort wurden angeblich Rote und Kommunisten gejagt.
Die Lenin-schule und Akademie diente in erster Linie vertrauenswürdigen Genossen und echten Kadern. Die übernahmen dann die Schulungen vor Ort. Gustav wird dort geschult.
Mit dem fortschrittlichen Gedankengut gerüstet, soll Gustav die jungen Menschen auf den friedlichen Weg der DDR begleiten. Nach den reichlich Schulungen und Studien sieht sich Gustav auch als Arbeiter. Seiner Klasse versucht er ab jetzt zu dienen. Die Erkenntnis ist das Ergebnis vieler Gespräche. Bei den Gesprächen wurde Gustav klar, welcher Klasse er angehört.
Früher dachte Gustav, als Chefkoch auf einem Kreuzfahrtschiff würde er zu oberen Mittelschicht gehören. Er verdiente sehr viel Geld und konnte mit kleinen Schmugglereien sein Gehalt erheblich vergrößern. Die Schmuggelei wurde geduldet. Dafür musste Gustav aber Schutzgeld zahlen. Beim Kapitän des Schiffes. Es wird vermutet, der Kapitän beging Selbstmord als ihm die Sowjets auf der Spur waren. Die Leiche wurde nicht gefunden. Etwas Verantwortung, wird ihm sicher unterstellt von den Befreiern. Ob er jetzt einer gewissen Erpressung unterlag oder in Selbstinitiative den Posten begleitete, ermitteln die sowjetischen Organe so gut sie können. Vielleicht ist er auch als Opfer des Kommunismus in Sicherheit gebracht worden von den angeblich gegen die Nazis kämpfenden Nazis andere Länder. Die traten bekanntlich als Alliierte auf. Natürlich die Sowjetunion als Scheinverbündeten nutzend. Der eigenen Opfer und des damit verbundenen Profits wegen. Viele Familienväter waren sich schon der Pflicht bewusst, eine Familie ernähren zu müssen. Das öffnet Erpressern Tür und Tor.
Gut ausgebildete Psychologen auf sowjetischer Seite mussten jetzt beurteilen, wie hoch der Grat der Erpressung war im Gegensatz zur Freiwilligkeit. Gustav hat es im Gegensatz bedeutend leichter als die Psychologen. Das Studium nimmt nur einen gewissen Anteil in seiner Ausbildung zum Lehrer ein. Zunächst soll er als Neulehrer gewonnen werden. Der Rest ergibt sich mit der Erfahrung und reichlich zusätzlichen Schulungen. In dieser Zeit findet natürlich weiter die Aufklärung betreffs seiner Taten statt. Das volle Vertrauen genießt er nicht. Er denkt, das muss er sich erst verdienen.
Korr100726-1

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