Erst nach dem Attentat begriff ich, die Beobachtung galt mir. Die Frage quälte mich, wer diesem Strolch den Auftrag gab. Vielleicht war es auch eine Art – Eigeninitiative gegen rasende Motorradfahrer? Sozusagen, Polizei und Richter in einer Person. Allein das wäre eine Anmaßung, die ihres Gleichen sucht.
Nach dem Kaffee und etwas Unterhaltung bei Glaudio und Daniela verabschiedete ich mich zur Heimfahrt. Wie immer an Feiertagen, staute sich der Verkehr in Richtung Gles. Die meisten italienischen Besucher möchten nach Male und Madonna di Campiglio. Feiertage werden in Italien mit einem Tages- oder Wochenendausflug verknüpft. Die Leute sind locker und fröhlich. Keiner drängt.
Zweiradfahrer hingegen können nicht unbedingt in solchen Staus fahren. Fremde neigen etwas zu schreckhaften Handlungen. Eine recht zügige Anfahrt von einer Seitenstraße reicht, um eine Vollbremsung auszulösen. Für Zweiradfahrer ist das recht dramatisch und erfordert reichlich Glück. Sobald sich auf der Straße – Sand, Verpackungsreste, Kies oder Flüssigkeiten befinden, geht dem Zweiradfahrer das Vorderrad weg. Die Stürze sind unglaublich teuer. Aus dem Grund, fahren Zweiradfahrer in Straßenmitte. Dort haben wir den meisten Überblick. Autofahrer lassen meist von sich aus etwas Platz, wenn das die Straßenverhältnisse hergeben. Meist genügt das Licht des Zweiradfahrers im Rückspiegel des Autofahrers.
Genau so ergab sich die Situation vor der Kurve in Richtung – Abzweigung Gles oder oberes Nonstal. An diesem Abzweig befinden sich mehrere gastronomische Einrichtungen. Das führt allgemein zu reichlich Stau dort. Vorsicht ist also angebracht an dem Ort. Immerhin befindet sich dort auch ein Bahnhof der Regionalbahn.
Allgemein ist es für Zweiradfahrer üblich und erlaubt, stehenden Verkehr langsam zu passieren. Ein Motorrad hat den Vorteil der akustischen Auffälligkeit. Meine Maschine nicht so sehr. Bei etwas mehr Gas allerdings schon. Generell kann ein Motorradfahrer recht zügig den stehenden Verkehr passieren. Wobei ich immer zwischen jeden Fahrzeug eine kleine Pause einlege. Nur, um zu beobachten, ob Gegenverkehr sichtbar ist. Meine Maschine benötigt drei Sekunden von Null bis Hundert.
Immerhin komme ich aus dem Vinschgau. Der Vinschgau wird praktisch von einem Dauerstau gequält. Das schafft schon etwas Routine beim Bewältigen des Staus. Ich hasse den robusten Einsatz von Glück im Straßenverkehr und bin eher von der vorsichtigen Fraktion. Das Bedrängen von anderen Fahrern ist mir zuwider. Ansonsten ergäbe das beim täglichen Befahren des Vinschgau mehrmals die Möglichkeit, das Leben oder die Gesundheit zu verlieren. In dem Sinne, schockiert mich eigentlich sehr wenig. Man denkt, nahezu alle Reaktionen der anderen zu kennen. Böswilligkeit inkludiert. Davon gibt es auch im Vinschgau reichlich. Meine Aufgabe ist nicht, die Ursachen zu erforschen. Ich würde die im gesellschaftlichen System suchen. Der tägliche Stau ist ein Zeichen für restlos fehlgeleitete Politik und damit verbundene falsche Reaktionen. Leider trifft es eben gerade jene Menschen, die den gesellschaftlichen Wohlstand erarbeiten. Wer eine Monatskarte für den öffentlichen Verkehr teurer verkauft als zwei Tankfüllungen, rechnet falsch.
Noch vor der Kurve und dem Ortseingangsschild, passiere ich den letzten LKW. Der freien Sicht halber. Gerade dort kann es sehr hektisch sein. Ich bin optisch gern auf das vorbereitet, was mich erwartet.
Wie direkt aus der Hölle kommt ein SUV an meine linke Seite. Ich gebe etwas nach und ziehe rechts an. Normal passen wir drei Spuren sicher nebeneinander. Dem Attentäter war das nicht sicher genug. Er zieht aggressiv weiter nach rechts. Einmal. Zweimal und das mit schwerer Berührung. Die schwere Berührung kann ich gut ausgleichen. Ich blicke auf seinen Innenspiegel. Der Strolch nimmt Maß. Bewusst. Zielgerichtet. Er zieht noch weiter nach rechts. Damit fährt der gewissenlose Strolch mit dem rechten Rad schon auf dem Betonrinnstein der Straße. Neben mir spüre ich bereits den Basaltabschluss der Straße. Ab der Grenze beginnt bereits der Bahndamm. Schilder werden sichtbar. Ein Schild mit Betonfuß taucht vor mir auf.
‚Dort ran. Das ist dein letzter Atemzug‘, denke ich mir. Ich schaue noch einmal zu dem Innenspiegel des Strolches. Der scheint entschlossen in seinem Hass und zieht noch einmal rechts an. Sehr schwer. Er bricht mir die Schulter, sechs Rippen, das Schlüsselbein und das Schulterblatt. Seine Radnabe reißt am Stiefel des bereits gebrochenen Beines, das ich langsam wieder an das Motorrad fahren gewöhnen möchte. Ich komme jetzt mit dem Reifen auf den Basaltrinnstein. Ende. Der Lenker reißt mir fast den Arm aus. Irgendetwas scheint nachgeben zu wollen. Krach. Das gewissenlose Schwein sieht das und haut ab. Fahrerflucht nach einem Attentat. Ein Mörder versucht, sich nach der Tat zu verpissen. Alle haben ihn gesehen. Selbst der Gegenverkehr muss hart bremsen wegen diesem Strolch. Keiner in der Autoschlange nach mir musste wegen meines Sturzes eine Notbremsung einleiten. Der gewissenlose Attentäter wollte mich umbringen. Die Stelle war wie geeignet dafür.
Im Liegen sehe ich die italienischen Freunde das Telefon greifen und den Notruf absetzen. Offensichtlich haben sie auch die Nummer des Attentäters an der erkannt. Der wurde gleich verfolgt von der Polizei oder den Carabinieri.
Korr170926

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