Im Krankenhaus-Fortsetzung

Den ersten Tag funktioniert das. Am zweiten Tag will er ihr den Besuch verbieten. Joana muss deswegen kündigen. Damit sind reichlich Verluste verbunden. Mindestens das 13. und 14. Gehalt. Auch die Trinkgelder, die am Jahresende aufgeteilt werden. Zusammen ergibt das um die Sechstausend. Selbst gekündigt, bedeutet auch den Verlust des Arbeitslosengeldes. Auch wenn das mit einer totalen Niedertracht begründet wird. Offensichtlich scheint in den Kreisen alles erlaubt zu sein. Zu der körperlichen Qual kommt jetzt noch die seelische. Die Bekannten und Ansprechpartner Joanas können das nicht begreifen. Joana hat bei dem Verbrecher zwanzig Jahre gedient. Später reichen wir das noch bei der Gewerkschaft ein. Wir wissen nicht, wie sich das entwickelte. Ein Ergebnis jedenfalls bekamen wir nicht zu spüren. Mit den Erkenntnissen wissen wir heute jedenfalls, wie sich der jährliche Neukauf von Nebengelassen ergibt. Vermögen in der Größenordnung entstehen jedenfalls nicht auf ehrliche Art.

In der Klinik finde ich einen Ansprechpartner, der Deutsch spricht. Eine deutsche Ärztin. Sie hat in den Trentino geheiratet. Sicher keine schlechte Wahl. Ich gebe ihr zu verstehen, dass ich auf den schnellsten Weg nach Südtirol möchte. Dort versteht man mich. Die Ärztin versprach, sich dafür einzusetzen. Unsere Kapazitäten wären leider überfüllt. Ich soll warten, bis ich ein freies Bett bekomme. Das soll ich aber unterschreiben.

„Sie stellten bei mir eine schwere Gehirnerschütterung fest. Glauben sie, ich unterschreibe bei vollem Bewusstsein?“

„Naja. Mein Gutachten ist etwas wichtiger. Sie sollen nur transportfähig sein.“

Das leuchtet mir letztendlich ein.

„Dafür sind aber noch Untersuchungen notwendig“, sagt sie fast drohend zu mir.

Ich weiß jetzt nicht, was sie konkret meint. Warten wir mal ab.

Am kommenden Tag kommt Joana nicht. Anrufen kann ich auch nicht. Das Krankenhaus wird praktisch zum Gefängnis für mich.

Ein Arzt kommt. Zusammen mit der Spezialistin aus Deutschland. Der Arzt ist ein Italiener. Ziemlich jung und doch ein recht erfahrener Chirurg oder Orthopäde, wie es scheint. Er sagt mir voraus anhand der Röntgenauswertungen, wie sich meine Haltung verändern wird.

„Sie haben eine recht beeindruckende Schulterbreite. Die kann ich ihnen erhalten. Dafür muss ich ihnen das Schlüsselbein mit einer Titanhülse versehen.“

„Ich habe schon eine am Schienbein. Das macht mir große Probleme. Muss das sein?“

„Es heilt zielgerichteter als normal.“

„Was steht zu befürchten?“

„Zusammen mit dem gebrochenen Schulterblatt und den sechs Rippen auf der Herzseite, wird das großflächig verkrüppeln. Das wächst dann etwas unkontrolliert zusammen. Sie werden krumm gehen.“

‚Der Milliardenschwer hat mich also zu einem Krüppel gefahren‘, denke ich mir. ‚Die Heilung wird viel Zeit benötigen.‘

„Mit einer Reha werden wir sie wieder halbwegs hin bekommen“, fügt die deutsche Ärztin zu.

„Sie sind aber transportfähig. Wir werden sie nach Meran verlegen.“

„Das hat einen Vorteil für mich“, sage ich den zwei Ärzten. „Dort kann ich wenigstens etwas Deutsch sprechen.“

„Das verstehe ich durchaus. Aber hier bekämen sie auf alle Fälle die kompetentere Hilfe.“

„Ich war schon mal in Meran. Dort bin ich schon auch gut behandelt worden.“

„Das sehen wir an ihren Röntgenbildern.“

Die Antwort verunsichert mich etwas. Meine Nervosität entgeht den Ärzten nicht.

„Ich kann das so jetzt nicht beurteilen. Trotzdem würde ich vorschlagen, wenn etwas falsch zusammen wächst, können wir ja operieren. Oder?“

„Technisch wäre das möglich“, beruhigt mich der Orthopäde.

„Naja. Dann würde ich gern die Operation verschieben.“

„Das ist ihre Wahl. In zwei Tagen können wir sie nach Meran verlegen.“

„Das wäre mir recht. Dort kann mich meine Frau regelmäßig besuchen. Haben wir Rollstühle hier?“

„Ja.“

„Kann ich im Rollstuhl umher fahren?“

„Selbst können sie das sicher nicht mit ihrer gebrochenen linken Seite.“

„Das stimmt. Aber ich würde gern mal eine rauchen. Das beschleunigt auch die Heilung etwas.“

Die Ärztin muss lachen. Der Arzt auch. Natürlich.

Ich habe nämlich beide, den Arzt und die Kollegin, auf ihrem Balkon rauchen gesehen. Spekulativ habe ich sie deswegen gefragt. Die Ärzte dort sind zu neunzig Prozent – Raucher.

„Genehmigt“, war die erlösende Antwort.

Die Retter haben mir die gesamte Kleidung samt Unterwäsche vom Körper geschnitten. Außer einem Nachthemd des Krankenhauses hatte ich keine Wäsche an. Ich rutsche aus dem Bett und versuche zu stehen. Schmerzen verspüre ich keine. Das wundert mich. Ich wollte keine Schmerzmittel.

„Sie haben von mir Schmerzmittel bekommen. Sie könnten sonst nicht schlafen vor Schmerzen“, sagt die Ärztin.

„Danke. Dann gehe ich zu Fuß.“

korr260926

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