Der Saisonkoch Tag 18

Tag achtzehn

Der Tag beginnt mit Schmerzen. Wahrscheinlich habe ich auf der geschnittenen Hand geschlafen und bin deshalb aufgewacht. Joana muss mich nicht wecken. Ich habe den Kaffee schon gemacht. Einhändig. Um ehrlich zu sein; es ist nicht einfach, eine Kaffeemaschine einhändig zu bedienen. An einfachen Maschinen werden mehrere, sogenannte Sicherheitsvorrichtungen verbaut, welche die Sicherheit behindern statt fördern. Joana ist bei der Prozedur auch aufgewacht. Sie hört im Schlaf jedes Geräusch und ist der ideale Wachmann. Ich lästere über die verbauten Kaffeemaschinen und den damit verbundenen erhöhten Preis für diesen Schrott, der kaum drei Jahre hält. Dabei fällt natürlich auch ein Kompliment für unsere K 108 Kaffeefiltermaschine aus der DDR. Das Wasser in den Bergen ist ziemlich mineralisch. Eine Kaffeemaschine muss aus dem Grund, recht häufig, mit etwas Essig ausgekocht und neutralisiert werden. Andere Probleme kann so eine Kaffeemaschine kaum haben. Neue Kaffeemaschinen haben dagegen massenhaft Fehler. Es fängt bei schlechten Schaltern an und endet bei schlecht verlöteten Kontakten. Das ist Schund.

Joana fragt mich, ob mir die Hand weh tut. „Ein bisschen.“ Ich will nicht herumjammern, weil sich meine Joana dann unnötig Sorgen macht und in eine Art Hyperaktivität verfällt.
„Damit kannst Du aber nicht Auto fahren.“
„Morgen muss ich zum Verbandswechsel. Wir werden sehen, ob ich fahren kann.“
„Ich muss jetzt weg. Wir haben heute viele Abreisen. Soll ich Dir etwas zu Essen mitbringen?“
„Nein. Ich gehe selbst runter zum Chef oder werde uns etwas kaufen.“
Bei Abreisen haben die Zimmermädchen erheblich mehr zu tun. Häufige Wechsel erhöhen die Belastung enorm. An diesen Tagen fallen entweder Überstunden an oder der Hotelier bucht flexible Einsatzkräfte. Ideal wäre, ältere Zimmermädchen oder junge Mütter, die gern zu ihrem Unterhalt ein paar Euro dazu verdienen wollen, zu buchen. Joanas Chef kennt solche Aushilfen und er hat sie auch bestellt.
Joana ist weg und mir wird schon irgendwie langweilig. Ich weiß nicht, was ich mit der freien Zeit anfangen soll. Unser Leben hat sich irgendwie auf Arbeit und Schlafen reduziert. Die Fähigkeit, mit der Freizeit etwas anzufangen, ist gegen Null gesunken. Unsere Ausfahrten, selbst unsere Motorradtouren im Frühjahr bis zum Herbst, sind größtenteils Arbeitswege. In der knappen Freizeit fahren wir einfach auf einen Berg, an einen Ort mit einem schönen Panorama und setzen uns in das Gebirgsgras. Das ist unsere einzige, gemeinsame Erholung. Freunde gibt es da nicht. Kollegen, mit denen man vielleicht etwas unternehmen würde, haben an anderen Tagen frei. Einkaufstouren, wie sie vielleicht Menschen unternehmen, die sich mit ihrer neuen Garderobe präsentieren möchten, sind bei uns überflüssig. Wir kennen nur drei Uniformen. Die Arbeitsuniform, einen Trainingsanzug und die Motorradkombi. Nachbarn, denen es auffällt, wenn wir ein neues Auto oder Motorrad haben, wundern sich oft, wie wir das finanzieren. Ich sage ihnen, wir kaufen das einfach. „Köche waren schon immer reich bei uns“, kommt dann als Antwort. „Vielleicht liegt das nur daran, weil wir keine Zeit haben, unseren Lohn für unsinnige Dinge auszugeben“, ist dann meine Antwort. „Ich gehe früh und komme in der Nacht zurück. Wann bitte, soll ich unser Geld auf den Kopf stellen? Wir können nicht mal in den Urlaub fahren. Der Eine hat im November frei und der Andere, im Oktober.“ Gastronomie garantiert, dass Sie ihren Ehepartner nie treffen. Das ist sicher, bei den Unternehmern in dem System. Es reicht ja, wenn wenigstens sie, ganz nebenbei, die Zimmermädchen bumsen. Wir reden von einer bedingungslosen Ausbeutung auf höchstem Niveau. Und dann fragen sich die Geister, warum das Keiner machen will und bisweilen, lieblos, überhebliche Touristen behandelt. Es gibt teilweise Ausnahmen in unserem Gewerbe. Das sind die Kellner. Die Wenigsten haben den Beruf gelernt. Sie haben aber wenigstens Kontakt mit den Gästen. Sie ernten auch die Früchte von wohlschmeckendem Essen in Form von Trinkgeld. Dabei bringen diese Trottel das Zeug nur an den Tisch. Für sie ist das Zeug, das am Schalter in der Küche, nicht selten, skeptisch betrachtet und dümmlich beschrieben wird. Fragt die ein Gast aus Interesse, wie das gemacht wird, kommt dieses Volk in die Küche gerannt und fragt, was das ist und wie das gekocht wird. Das machen auch Hausfrauen, die nebenbei bedienen. Ein ausgebildeter Kellner wird schon in der Ausbildung zu einem Küchenpraktikum geschickt, damit er nicht blöd vor seinen Gästen herumtanzt. Nun stellen Sie sich vor, ein Elektriker erklärt seinem Kunden etwas von Verteilung, Absicherung und Spannung. Er könnte das nur am Verteilerkasten. Und in den schauen wir Laien wie eine Kuh in den neuen Stall. Genau so blöd kommt sich der Koch vor, der womöglich noch an einem wichtigen, teuren Produkt arbeitet. Diese Fragen sind einfache Belästigungen in Form von Wichtigtuerei. Sie Gäste fahren doch nicht etwa nach Indien, um zu sehen, wie verhungerte, ausgebeutete Menschen ihre Kleidung nähen. Das ist ihnen zu lästig und wahrscheinlich auch zu gefährlich.
Ich stecke mir den Computer an, um auf dem Arbeitsmarkt, so nennt sich der Sklavenhandel, eine Stelle zu suchen, die ich nach meiner Genesung antreten kann. Ich suche wieder zuerst in Südtirol, in Tirol und in der nahen Schweiz. Am besten noch in dieser Saison. Mit der rechten Hand versuche ich, eine Bewerbung zusammen zu kopieren, bei der ich nur die Datumsangaben ändere. In den meisten Bewerbungen verschweige ich den Krankenstand und auch den Meisterbrief. Der ist nach Ansicht meiner versoffenen Arbeitgeber auch nicht nötig in unserer Branche. Die nüchternen Arbeitgeber mit ein paar gastronomischen Zielen, achten schon oberflächlich auf eine angemessene Ausbildung. In der Nähe von Nauders gibt es ein paar Anzeigen, bei denen ich den Rest der Saison verbringen könnte. Diese Stellen werden oft frei, wenn sich das entsprechende Personal mit dem Chef überworfen hat oder wie bei mir, die Stelle wegen Krankheit frei wird. Das Angebot ist nicht riesig aber zufriedenstellend. Die offiziellen Lohnangebote zeigen einen Unterschied von eintausend Euro und beginnen bei eintausend achthundert. Bei eintausend achthundert Euro Lohn, ergäbe in einer Sechs-Tage-Woche a zwölf Stunden, einen Stundenlohn von etwas über sechs Euro netto.

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