Der Saisonkoch – Winter – Leseprobe

Tag zwei

Der zweite Tag beginnt ähnlich zeitig wie der erste. Wir treffen uns um sieben Uhr beim Frühstück. Jetzt fehlt uns Soltan. Muchmat geht schnell hinauf zum Personalzimmer und klopft. Soltan war gestern etwas lange auf und hat Alkohol getrunken. Normal würde ich jetzt sagen: „Bleib liegen bis du nüchtern bist und komme dann auf Arbeit“. Am zweiten Tag geht das aber nicht. Soltan kommt so zehn Minuten zu spät zum Frühstück, aber nicht zu spät zur Arbeit. Ich hab ihn gefragt, ob er noch etwas ruhen möchte, was er ablehnte. Er sei jetzt einmal wach und damit auch einsatzfähig. Besoffen ist er nicht. Soltan erzählt uns auch etwas von dem Treffen mit seinen Freunden und Kollegen. Kaum jemand hört zu. Dabei sind die Treffen unter Freunden, seltene Höhepunkte im Leben eines Saisonarbeiters. Fast vergleichbar mit Familientreffen. Wir treffen oft Kollegen, mit denen wir mehrere Monate oder Jahre gut zusammen gearbeitet haben. Andere, uns weniger liebe Kollegen, treffen wir natürlich auch. Echte, feste Bindungen, gibt es jedoch selten. Keiner weiß, ob er lange in dem Objekt arbeitet, in dem er gerade dient. Das kann Unsereiner, höchstens am Saisonende erfahren. Wenn der Chef fragt, ob man kommende Saison wieder kommt.

Nach dem Frühstück gehen wir in die Küche und ich muss schon feststellen, Alle erledigen das von allein, was gemacht werden soll. Die übliche Routine zieht also schon am zweiten Tag ein. Das habe ich dem Umstand zu verdanken, dass meine Kollegen erprobte Saisonkräfte sind. Unser Chef hat die Bewerbungen der Kollegen verstanden. Das ist selten. Soltan ruft gerade, dass sein Gasherd nicht angeht. Schon rennen alle Kollegen zu ihm, um zu schauen, was da zu machen geht. Die Herdanlagen sind, trotz der verschiedenen Erzeuger, erfreulicher Weise recht ähnlich in ihrem Aufbau. Wir schauen also nach dem Bimetall und danach, ob der einen Zündfunken abbekommt. Es scheint alles rechtens und mit dem Blick auf die Uhr bemerken wir, dass schon wieder fünfzehn Minuten von der wichtigsten Zeit weg sind. Trotzdem zündet das Gas nicht. Was nun? Wir drücken erst mal den Starter so lange, dass die in der Gasleitung befindliche Luft entweicht. Das begleiten wir mit regelmäßigen Geruchsproben über dem Gasaustritt. Fast wie Rauschgift schnüffeln. Ich nehme mal das Feuerzeug, um zu prüfen. Und, es brennt. Dreißig Minuten sind weg. Irgendwann, fehlen die dann, die dreißig Minuten.

Eigentlich sind wir solche Unterbrechungen kurz nach Saisonbeginn gewohnt. Meist ist das, das Resultat der Saisonabschlussreinigung. Da geraten in die Gasanlagen oft Reinigungsflüssigkeiten oder strenge Chemikalien wie Grillreiniger. Oft werden die Anlagen auch mit mechanischen Reinigungshilfen verbogen oder einfach beschädigt. Es soll Betriebe geben, die ihre Gasanlagen auch regelmäßig warten lassen. Das ist bekanntlich nicht billig. Nach den entsprechenden Wartungen müssen wir auch damit rechnen, dass sich in den Anlagen Luft befindet.

Der Frühstücksservice läuft bereits auf vollen Touren und bei uns werden die morgendlichen Eierspeisen, frisch gefertigt. Nach Wünschen der Gäste. Da geht jetzt der erste Bon ein auf dem steht ein Rührei mit Speck. Der zweite Bon folgt mit einem Spiegelei und schon sind wir beim Frühsport der Köche. Den Frühstückservice übernehme ich, weil meine Kollegen schon recht vielw Aufgaben haben. Menüvorbereitung.

Mein Posten ist neben der Verantwortung, der kleinste, muss ich gestehen. Der Chefkoch braucht immer etwas Reserve, um schnell in dem Posten eingreifen zu können, der gerade Probleme hat. Gerade kommt eine Bestellung von einem Fünf-Minutenei. Auf zweitausend Meter Höhe, wo das Wasser bei vierundachtzig Grad Celsius kocht. Ich loche das Ei an der stumpfen Seite, hänge es mit einem Korb in den Nudelkocher und schon schwimmt es. Nun gebe ich der Zeituhr fünf Minuten. Keine zwei Minuten vergehen und schon folgen die nächsten Fünfminuteneier. Das scheint ein Schlagwort zu sein. Nun muss ich die zweite Zeituhr anrücken. Zum Glück, gibt es zwei im Betrieb. Zur Not habe ich selbst eine Zeituhr im Messerkoffer. Die wird nicht nur zum Eierkochen benötigt. Das erste Fünfminutenei ist fertig und geht jetzt zum Gast. Nach zwei Minuten kommt das Ei zurück. Es wäre kein Fünfminutenei. Das Ei ist roh. Wir bekommen jetzt den lebenden Beweis für den Bildungsgrad unserer Gäste. Ich rede von der Grundschule, von Luftdrücken, Wetterdaten und von den Höhenunterschieden. Meine Kollegen lachen sich krumm bei dem Geschwafel, das bei der Claudius-Clapeyron-Gleichung endet. Obwohl ich gestehen muss, das Höhenphänomen bei diversen Kochprozessen ist mir teilweise in Vergessenheit geraten. In der Höhe benötigt das Fünfminutenei, rund sechseinhalb Minuten. Der Begriff, Fünfminutenei, stützt sich eher auf persönliches Empfinden denn auf irgendwelche Tatsachen. Die Fünfminuten – Ei – Bestellerei vermittelt uns etwas von Hochmut, der sich auch in einer überheblichen, unwissenden Klugscheißerei ausdrückt. Oder, soll das nur ein Vergleich sein? Was sollen wir da nun machen? Den Gast auffordern, uns seine Höhendaten von zu Hause mitzuteilen? Ich glaube, der bessere Weg ist, sich als Gast der Physik des Lebens bewusst zu sein. Es gäbe ja noch die Möglichkeit, einfach ein Foto seiner bevorzugten Eierliebe beizufügen. Für mich gehört das zur Reisevorbereitung. Mittlerweile gibt es Rechner für die Eierkochzeit im Internet. Soweit sind wir schon gekommen. Korrekt ist keiner der Rechner. Nebenbei möchte ich auch scherzend dazu bemerken. Unnsere Eier in den Alpen sind richtige Eier und keine Gensojahappen mit unterdrücktem Fischgeschmack. Die Alpenbauern schlafen mit ihren Haustieren, kennen jedes Tier mit dem Namen und auch deren Gebrechen. Noch. Da werden Haustiere mit einem gebrochenem Fuß noch gesund gepflegt. Gehätschelt, ist die bessere Beschreibung. Als wäre das Huhn, der Hund oder die Kuh, ein Familienmitglied. Da nehmen sogar die Nachbarn, Anteil und es wird häufig gefragt, ob der Patient wieder voll auf ist. Das wirkt sich sowohl auf die Struktur der Eier als auch auf deren Größe aus.

Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht irgendein Rekord gebrochen wird. Das Frühstücksei betreffend, scheint im Gastraum ein Wettbewerb der Eitelkeiten zu laufen. Jetzt möchte ein Gast ein Fünfminuten zwanzig Sekundenei. Man testet sich wissenschaftlich, langsam, an den Höhenunterschied. In gastronomischen Einrichtungen gibt es keine ungekühlten Eier. Das ist dort einfach untersagt. Damit wäre das Anliegen, selbst auf Meereshöhenniveau, ein unfertiges Ei. Die Kühlung in Gastronomieobjekten für Fleischprodukte, arbeitet, durchschnittlich, bei einem Grad.

Antwort

  1. […] beim 6. Korrekturlesen von meinem ersten Buch. Ich werde gelegentlich ein paar Ausschnitte und Leseproben auf Ossimigranten veröffentlichen. Das Buch verändert sich etwas beim Redigieren. Ich schreibe das in der Denk- und […]

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