
Heinz war ein Offizier für Versorgung auf einem Passagierschiff des Deutschen Reiches. Er kümmerte sich um die Gäste der Monte-Schiffe der Hamburger Seereederei. Sie dienten meist dem Linienverkehr. Aber auch touristischen Ausflügen. Später wurden auf den Schiffen Soldaten und Kriegsgerät transportiert. Genau dieser Umstand ist die Ursache für die Sowjets, Heinz als Kriegsverbrecher zu verurteilen.
Heinz kommt aus Danzig. Seine Eltern dienten schon im Umfeld der Häfen und Werften als Buchhalter und Sekretärin. Mit dem Untergang der Gustloff verlor Heinz seine Eltern. Die sollten evakuiert werden auf einem Schiff, auf dem auch Heinz diente. Zu KdF – Zeiten. Er hat ihnen den gefragten Platz versorgt. Heinz hatte zur gleichen Zeit aber Dienst auf einem anderen Schiff. Das wurde später versenkt. Er konnte sich retten oder wurde gerettet. Er redete selten von diesem Augenblick. Man sah in seinem Gesicht aber sehr tiefe, schlecht verheilte Narben. Die Wunden entstanden sicher im Zusammenhang mit dem Untergang des Schiffes. Auf dem überfüllten Schiff fanden Tausende den Tod. Sie wollten sich vor der anrückenden Roten Armee verdrücken. Ob jetzt verblendet – unschuldig oder schuldig, lassen wir mal außer Acht. Heinz betonte oft im Gespräch mit uns, unschuldig war keiner von ihnen. Er selbst auch nicht. Neben Passagieren haben sie auch Munition und Ersatzteile transportiert. Und das, trotzdem Urlauber als Tarnung auf dem Schiff waren. Aber selbst die Urlauber trugen nicht selten schwere Schuld. Oft traten sie auf dem Schiff ihre Genesungsreisen und Kuren an. Auch als Fronturlaub für Offiziere oder für KZ-Personal. Kraft durch Freude.
„Die Versenkung der Schiffe ersparte den Sowjets sehr viele Verfahren vor Tribunalen“, gab Heinz oft etwas kleinlaut zum Besten. Eine gewisse Schadenfreude schmückte das vernarbte Gesicht dabei. Auf seinem Schiff befanden sich wahrscheinlich sehr wenig Freunde. Die Erzählungen brachte Heinz stets sehr trocken uns gegenüber. Ohne jede Emotion. Er wollte kein Mitleid. Trotzdem er damals sicher dem Tod in die Augen sah. Allein die Vorstellung an das Meer, ohne jeglichen Boden in scheinbar endloser Tiefe, ließ uns den Schauer über den Rücken laufen. Wie lange kannst du schwimmen? Bei dem Wellengang? Wo ist etwas Schwimmendes in der Nähe? Wann kommt Hilfe? Heinz hat das uns gegenüber nie näher beschrieben. Das fürchterliche Erlebnis soll verschlossen bleiben. Wegen neuer Qualen. Das Gefühl zwischen – ‘gibst du nach oder nicht’, muss Trauma erregend sein.
Heinz ist von diesem Erlebnis schwer geprägt.
Trotzdem Heinz nie ein lauter Verfechter des Sozialismus oder gar der DDR ist, hat er dort ein friedliches und glückliches Auskommen. Seine Frau als auch sein Sohn sind vor der Grenzschließung in den Westen gezogen. Heinz hat das trotz seiner Vergangenheit abgelehnt. Eigentlich auch die sowjetischen Besatzer. Die haben ihm keinen Passierschein ausgestellt. Nachdem was Heinz so erfuhr von seiner Frau und seinem Sohn, wollte er ohne den Schein nicht in den Westen gehen. Das war ihm zu gefährlich. Trotz seiner Vergangenheit.
Der steuerfreie Lohnbestandteil in der DDR ist und bleibt das Trinkgeld. Und das fließt nicht zu schlecht. Keiner der Gäste leidet an Not, zu hohen Kreditzinsen oder Mietschulden. Die Preise für Lebensmittel bleiben erträglich und sind landesweit gleich. Die größte Not kurz nach dem Krieg ist überstanden. Das Geld sitzt etwas lockerer als im Westen.
Die Frau ließ sich der Form halber scheiden von Heinz. Der Form halber ist gut gesagt. Ohne einen Beschäler sähe es schlecht aus mit dem Einkommen im Westen. Der Sohn musste die Hauptversorgung der Familie übernehmen. Greta, die Frau von Heinz, musste die Familie mit breiten Beinen ernähren. Hauptsächlich tat sie das in US – und britischen Stützpunkten. Dort gab es wenigstens Lebensmittel. Auch, wenn die nicht besonders gut schmecken. Sie musste der Miete halber mehrmals umziehen. Trotzdem blieb sie immer zusammen mit Paul in einer Wohnung. Ein Einkommen reichte nicht für die Miete samt Nebenkosten.
Von Heinz erfuhr sie per Post, wie es ihm im Osten erging. Sie las etwas verdeckt von einem gewissen Wohlstand. Ein ihr unbekanntes Wort.
Heinz bekam zwei Pakete pro Jahr von Greta. Kaffee aus dem Sonderangebot. Weit überlagert. Im letzten Paket war ein Dreier-Satz kurze Unterhosen dabei. Mit rosa Streifen und Herzchen. Die Schlüpfer bot er Klaus an. Klaus ist bekannter Maßen vom anderen Ufer. Der freute sich besonders über das Westgeschenk. Den Kaffee tauschte Heinz auf Arbeit. Es gab Abnehmer. Auch Klaus. Die tranken statt Kaffee, den Namen, den sie aus der Westwerbung vom Ochsenkopf kannten. Außerdem war er billig. In der DDR kostete das halbe Pfund, fast zwanzig Mark.
Heinz hingegen schickte monatlich ein Paket in den Westen. Dort wurde Greta sogar noch Zoll abgenommen. Heinz sollte das Schicken von Paketen einstellen. Die Not wäre nicht zu groß, versprach Paul.
Die Nachfrage nach Greta schwand mit ihren Jahren. Bei ihr stehen jetzt Türken an. Gelegentlich auch ein paar Italiener und Jugoslawen mit grober Geschmacksverwirrung. Die Kasernen werden jetzt von jungen Nutten belagert. Nebenberuflich. Früh Sekretärin und zum Nachfetten, Strich. Der Seifenverbrauch ist ungemein hoch. Die Seifenindustrie musste extra fette Seife entwickeln, um das Austrocknen der Nutten zu vermeiden. Schließlich wollten die Freier zarte weiche Haut und kein Reibbrett.
Greta fand einen Job in einem kleinen Geschäft als Verkäuferin. Zwei Stück Seife pro Monat und ein belegtes Brötchen jeden Feierabend gab es gratis zum spärlichen Lohn. Der Besitzer ist ein Italiener. Ein Deutscher hätte das Greta nie gegeben. Sagt sie. Ihre Hauptbeschäftigung war aber der Zeitungsverkauf und der Verkauf von Lottoscheinen.
Abends ging sie noch bedienen. In einer Bar neben dem Puff. Auch da ließ die Nachfrage nach. Es herrschte strenger Frauenüberschuss. Keine echte Not an weiblichem Fleisch. Ein neuer Mann würde jetzt gut in den Haushalt passen.
Heinz bekommt die Not seiner Exfrau natürlich in Briefform übermittelt. Mit Küsschen vom Lippenstift. `Zu viel von dieser Schmiere’, sagt er sich und schüttelt den Kopf. ‚Offensichtlich kommt es im Westen nur auf die Schmiere an statt auf die Leistung.‘ Schauen würde er schon gern mal, wie es der Frau so geht. Vielleicht auch nicht? Die Neugier scheint mit jedem Brief neu einzutreffen. Heinz liest aus dieser Post jedenfalls kein glückliches Leben heraus. Eher umgedreht. Gold liegt dort jedenfalls keins auf der Straße. Menschen müssen rechtzeitig zu Dieben und Ganoven erzogen werden.
Heinz dient in einem Hotel als Oberkellner. Dort schreiben sich auch Westgäste ein. Er versucht ständig, über die – Kontakt zu Greta aufzubauen. Das ist bis jetzt nicht gelungen.
Seine weiblichen Kollegen inklusive der Barfrauen umschmeicheln die Westgäste regelrecht. Es geht um Trinkgeld in Form von Westgeld. Irgendwie scheint das einen anderen Wert zu haben. Mark plus Einbildung. Die Einbildung wirkt bisweilen als Multiplikator. Bei der Getriebefeuchtigkeit.
Wäre der Vorgänger des DDR-Innenministers aus dem Reich an der Macht, würde er die Brut wegen der Zeugung fremden Blutes dem Ofen übergeben. Dafür wurde er zum Dank gehängt. Das geht Heinz so durch den Kopf bei der Balz um ein paar Westmark. Er fragt sich oft, ob das wirklich das richtige Gewerbe ist, in dem er dient. Eigentlich ist das auch mit dem Strich auf Weststraßen vergleichbar. ‚So ganz haben wir das den Frauen nicht abgewöhnt‘, denkt er sich. Dabei erinnert er sich an die Danziger Straßen. Jeden Abend lautstarker Streit zwischen den Huren.
Trotzdem freut er sich. Der Anteil echter Frauen scheint sprunghaft zugenommen zu haben in der DDR. Die Frauen versuchen es doch mit geregelter Arbeit. Das findet sogar regelrecht Anerkennung. Ein Frauenkollektiv möchte er trotzdem nicht führen. Selbst wollen das die Frauen auch nicht. Sie suchen immer einen Chef, zu dem sie aufschauen können. Der Chef muss auf alle Fälle leicht zu verführen sein. Sonst ist er nicht steuerbar. Etwas vom Rest der ursprünglichen Reichserziehung scheint noch durchzuschlagen. Kommt Zeit – kommt Rat.
Heinz gilt im Kollektiv des Hotels als sehr guter Berater in puncto Service und dem persönlichen Auftreten. Immer korrekt. Wie ein englischer Butler. Heinz hat nie erzählt, wer ihn so vorbildlich ausgebildet hat. Die Kollegen schätzen, das hätte die Flotte getan. Vielleicht sogar in englischen Hafenstädten.
Bei den neuen Gästen wirkte Heinz etwas steif. Die Gäste machten ihre Scherze hinter seinem Rücken. Trotzdem hatte er einen sehr hohen Stand in deren Augen.
Susi, die Barfrau, schwärmt nahezu von Heinz.
Heinz schickt ihr sehr oft die Gäste in die Bar. Vor allem, wenn das Restaurant schließt und die Gäste noch etwas bleiben möchten. Heinz kann das in einer vornehmen Art sagen, die kein Gast ablehnt. Susi hat dadurch etwas mehr Umsatz. Vom Umsatz bekommt Susi Prozente.
Das Hotel in dem Hans dient, nennt sich „Weiße Taube“. Der Altbesitzer hat sich in den Westen verdrückt. Seit Kurzem gehört es der HO. Handelsorganisation der DDR. Insgesamt gelang es der HO – Führung, über gute Handelsbeziehungen, seltene oder gefragte Waren zu importieren. Das war insbesondere für den Nachkriegstourismus notwendig. Auch für die gehobene interne Nachfrage. Es gab immerhin einen beachtlichen kleinbürgerlichen Anteil in der Bevölkerung, der nicht unbedingt als arm anzusehen war. Sofern ihnen keine Nazinähe nachgewiesen werden konnte, sind sie eben der feste Bestandteil einer Gesellschaft. Meist handelt es sich um kleinbürgerliche Betriebe, Händler und Handwerker. Auch Bauern gehören dazu. Die Arbeiterführung der DDR hatte kein Interesse, den redlichen Menschen etwas anzutun. Im Gegenteil. Sie sollten dem sozialistischen Staat beim Aufbau helfen. Die Meisten taten das gern. Sie litten oft selbst unter dem Faschismus; wollten jedoch nicht offensiv dagegen auftreten. Meist stand etwas schwer erarbeiteter, verschuldeter Besitz dazwischen. Man wollte nicht ein Leben lang umsonst die Darlehen bedient haben. Dieser Umstand fand selbst in der DDR-Regierung ihre Anerkennung. Die Politik sah vor, im Zeitraum der Abschreibung, privaten Besitz der Vergangenheit in volkseigenen- umzuwandeln. Im Rahmen der Wertschöpfung, wandelte sich der Besitz automatisch in Volksbesitz um. Es sei denn, die Besitzer erarbeiten den Wert ihrer Firma zu einhundert Prozent selbst. Dann ist es legitimer Besitz.
Das Hotel hatte einen ziemlich großen Saal. Der wurde von der Partei der Stadt – Hohenburg als Versammlungsraum benutzt. Er sollte auch für Konferenzen genutzt werden. Der Stadtrat traf sich regelmäßig in den eigenen großzügigen Räumen. Hohenburg war keine arme Stadt als Zentrum der Bergbau- und Textilindustrie. Selbst der Fahrzeugbau hatte dort ein Standbein neben dem Maschinenbau.
korr240626

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