
Heinz war ein Offizier für Versorgung auf einem Passagierschiff des Deutschen Reiches. Er kümmerte sich um die Gäste der Monte-Schiffe der Hamburger Seereederei. Sie dienten meist dem Linienverkehr. Aber auch touristischen Ausflügen. Später wurden auf den Schiffen Soldaten und Kriegsgerät transportiert. Genau dieser Umstand ist die Ursache für die Sowjets, Heinz als Kriegsverbrecher zu verurteilen.
Heinz kommt aus Danzig. Seine Eltern dienten schon im Umfeld der Häfen und Werften als Buchhalter und Sekretärin. Mit dem Untergang der Gustloff verlor Heinz seine Eltern. Die sollten evakuiert werden auf einem Schiff, auf dem auch Heinz diente. Zu KdF – Zeiten. Er hat ihnen den gefragten Platz versorgt. Heinz hatte zur gleichen Zeit aber Dienst auf einem anderen Schiff. Das wurde später versenkt. Er konnte sich retten oder wurde gerettet. Er redete selten von diesem Augenblick. Man sah in seinem Gesicht aber sehr tiefe, schlecht verheilte Narben. Die Wunden entstanden sicher im Zusammenhang mit dem Untergang des Schiffes. Auf dem überfüllten Schiff fanden Tausende den Tod. Sie wollten sich vor der anrückenden Roten Armee verdrücken. Ob jetzt verblendet – unschuldig oder schuldig, lassen wir mal außer Acht. Heinz betonte oft im Gespräch mit uns, unschuldig war keiner von ihnen. Er selbst auch nicht. Neben Passagieren haben sie auch Munition und Ersatzteile transportiert. Und das, trotzdem Urlauber als Tarnung auf dem Schiff waren. Aber selbst die Urlauber trugen nicht selten schwere Schuld. Oft traten sie auf dem Schiff ihre Genesungsreisen und Kuren an. Auch als Fronturlaub für Offiziere oder für KZ-Personal. Kraft durch Freude.
„Die Versenkung der Schiffe ersparte den Sowjets sehr viele Verfahren vor Tribunalen“, gab Heinz oft etwas kleinlaut zum Besten. Eine gewisse Schadenfreude schmückte das vernarbte Gesicht dabei. Auf seinem Schiff befanden sich wahrscheinlich sehr wenig Freunde. Die Erzählungen brachte Heinz stets sehr trocken uns gegenüber. Ohne jede Emotion. Er wollte kein Mitleid. Trotzdem er damals sicher dem Tod in die Augen sah. Allein die Vorstellung an das Meer, ohne jeglichen Boden in scheinbar endloser Tiefe, ließ uns den Schauer über den Rücken laufen. Wie lange kannst du schwimmen? Bei dem Wellengang? Wo ist etwas Schwimmendes in der Nähe? Wann kommt Hilfe? Heinz hat das uns gegenüber nie näher beschrieben. Das fürchterliche Erlebnis soll verschlossen bleiben. Wegen neuer Qualen. Das Gefühl zwischen – ‘gibst du nach oder nicht’, muss Trauma erregend sein.
Heinz ist von diesem Erlebnis schwer geprägt.
Trotzdem Heinz nie ein lauter Verfechter des Sozialismus oder gar der DDR ist, hat er dort ein friedliches und glückliches Auskommen. Seine Frau als auch sein Sohn sind vor der Grenzschließung in den Westen gezogen. Heinz hat das trotz seiner Vergangenheit abgelehnt. Eigentlich auch die sowjetischen Besatzer. Die haben ihm keinen Passierschein ausgestellt. Nachdem was Heinz so erfuhr von seiner Frau und seinem Sohn, wollte er ohne den Schein nicht in den Westen gehen. Das war ihm zu gefährlich. Trotz seiner Vergangenheit.
Der steuerfreie Lohnbestandteil in der DDR ist und bleibt das Trinkgeld. Und das fließt nicht zu schlecht. Keiner der Gäste leidet an Not, zu hohen Kreditzinsen oder Mietschulden. Die Preise für Lebensmittel bleiben erträglich und sind landesweit gleich. Die größte Not kurz nach dem Krieg ist überstanden. Das Geld sitzt etwas lockerer als im Westen.
Die Frau ließ sich der Form halber scheiden von Heinz. Der Form halber ist gut gesagt. Ohne einen Beschäler sähe es schlecht aus mit dem Einkommen im Westen. Der Sohn musste die Hauptversorgung der Familie übernehmen. Greta, die Frau von Heinz, musste die Familie mit breiten Beinen ernähren. Hauptsächlich tat sie das in US – und britischen Stützpunkten. Dort gab es wenigstens Lebensmittel. Auch, wenn die nicht besonders gut schmecken. Sie musste der Miete halber mehrmals umziehen. Trotzdem blieb sie immer zusammen mit Paul in einer Wohnung. Ein Einkommen reichte nicht für die Miete samt Nebenkosten.
Von Heinz erfuhr sie per Post, wie es ihm im Osten erging. Sie las etwas verdeckt von einem gewissen Wohlstand. Ein ihr unbekanntes Wort.
Heinz bekam zwei Pakete pro Jahr von Greta. Kaffee aus dem Sonderangebot. Weit überlagert. Im letzten Paket war ein Dreier-Satz kurze Unterhosen dabei. Mit rosa Streifen und Herzchen. Die Schlüpfer bot er Klaus an. Klaus ist bekannter Maßen vom anderen Ufer. Der freute sich besonders über das Westgeschenk. Den Kaffee tauschte Heinz auf Arbeit. Es gab Abnehmer. Auch Klaus. Die tranken statt Kaffee, den Namen, den sie aus der Westwerbung vom Ochsenkopf kannten. Außerdem war er billig. In der DDR kostete das halbe Pfund, fast zwanzig Mark.
Heinz hingegen schickte monatlich ein Paket in den Westen. Dort wurde Greta sogar noch Zoll abgenommen. Heinz sollte das Schicken von Paketen einstellen. Die Not wäre nicht zu groß, versprach Paul.
Die Nachfrage nach Greta schwand mit ihren Jahren. Bei ihr stehen jetzt Türken an. Gelegentlich auch ein paar Italiener und Jugoslawen mit grober Geschmacksverwirrung. Die Kasernen werden jetzt von jungen Nutten belagert. Nebenberuflich. Früh Sekretärin und zum Nachfetten, Strich. Der Seifenverbrauch ist ungemein hoch. Die Seifenindustrie musste extra fette Seife entwickeln, um das Austrocknen der Nutten zu vermeiden. Schließlich wollten die Freier zarte weiche Haut und kein Reibbrett.
Greta fand einen Job in einem kleinen Geschäft als Verkäuferin. Zwei Stück Seife pro Monat und ein belegtes Brötchen jeden Feierabend gab es gratis zum spärlichen Lohn. Der Besitzer ist ein Italiener. Ein Deutscher hätte das Greta nie gegeben. Sagt sie. Ihre Hauptbeschäftigung war aber der Zeitungsverkauf und der Verkauf von Lottoscheinen.
Abends ging sie noch bedienen. In einer Bar neben dem Puff. Auch da ließ die Nachfrage nach. Es herrschte strenger Frauenüberschuss. Keine echte Not an weiblichem Fleisch. Ein neuer Mann würde jetzt gut in den Haushalt passen.
Heinz bekommt die Not seiner Exfrau natürlich in Briefform übermittelt. Mit Küsschen vom Lippenstift. `Zu viel von dieser Schmiere’, sagt er sich und schüttelt den Kopf. ‚Offensichtlich kommt es im Westen nur auf die Schmiere an statt auf die Leistung.‘ Schauen würde er schon gern mal, wie es der Frau so geht. Vielleicht auch nicht? Die Neugier scheint mit jedem Brief neu einzutreffen. Heinz liest aus dieser Post jedenfalls kein glückliches Leben heraus. Eher umgedreht. Gold liegt dort jedenfalls keins auf der Straße. Menschen müssen rechtzeitig zu Dieben und Ganoven erzogen werden.
Heinz dient in einem Hotel als Oberkellner. Dort schreiben sich auch Westgäste ein. Er versucht ständig, über die – Kontakt zu Greta aufzubauen. Das ist bis jetzt nicht gelungen.
Seine weiblichen Kollegen inklusive der Barfrauen umschmeicheln die Westgäste regelrecht. Es geht um Trinkgeld in Form von Westgeld. Irgendwie scheint das einen anderen Wert zu haben. Mark plus Einbildung. Die Einbildung wirkt bisweilen als Multiplikator. Bei der Getriebefeuchtigkeit.
Wäre der Vorgänger des DDR-Innenministers aus dem Reich an der Macht, würde er die Brut wegen der Zeugung fremden Blutes dem Ofen übergeben. Dafür wurde er zum Dank gehängt. Das geht Heinz so durch den Kopf bei der Balz um ein paar Westmark. Er fragt sich oft, ob das wirklich das richtige Gewerbe ist, in dem er dient. Eigentlich ist das auch mit dem Strich auf Weststraßen vergleichbar. ‚So ganz haben wir das den Frauen nicht abgewöhnt‘, denkt er sich. Dabei erinnert er sich an die Danziger Straßen. Jeden Abend lautstarker Streit zwischen den Huren.
Trotzdem freut er sich. Der Anteil echter Frauen scheint sprunghaft zugenommen zu haben in der DDR. Die Frauen versuchen es doch mit geregelter Arbeit. Das findet sogar regelrecht Anerkennung. Ein Frauenkollektiv möchte er trotzdem nicht führen. Selbst wollen das die Frauen auch nicht. Sie suchen immer einen Chef, zu dem sie aufschauen können. Der Chef muss auf alle Fälle leicht zu verführen sein. Sonst ist er nicht steuerbar. Etwas vom Rest der ursprünglichen Reichserziehung scheint noch durchzuschlagen. Kommt Zeit – kommt Rat.
Heinz gilt im Kollektiv des Hotels als sehr guter Berater in puncto Service und dem persönlichen Auftreten. Immer korrekt. Wie ein englischer Butler. Heinz hat nie erzählt, wer ihn so vorbildlich ausgebildet hat. Die Kollegen schätzen, das hätte die Flotte getan. Vielleicht sogar in englischen Hafenstädten.
Bei den neuen Gästen wirkte Heinz etwas steif. Die Gäste machten ihre Scherze hinter seinem Rücken. Trotzdem hatte er einen sehr hohen Stand in deren Augen.
Susi, die Barfrau, schwärmt nahezu von Heinz.
Heinz schickt ihr sehr oft die Gäste in die Bar. Vor allem, wenn das Restaurant schließt und die Gäste noch etwas bleiben möchten. Heinz kann das in einer vornehmen Art sagen, die kein Gast ablehnt. Susi hat dadurch etwas mehr Umsatz. Vom Umsatz bekommt Susi Prozente.
Das Hotel in dem Hans dient, nennt sich „Weiße Taube“. Der Altbesitzer hat sich in den Westen verdrückt. Seit Kurzem gehört es der HO. Handelsorganisation der DDR. Insgesamt gelang es der HO – Führung, über gute Handelsbeziehungen, seltene oder gefragte Waren zu importieren. Das war insbesondere für den Nachkriegstourismus notwendig. Auch für die gehobene interne Nachfrage. Es gab immerhin einen beachtlichen kleinbürgerlichen Anteil in der Bevölkerung, der nicht unbedingt als arm anzusehen war. Sofern ihnen keine Nazinähe nachgewiesen werden konnte, sind sie eben der feste Bestandteil einer Gesellschaft. Meist handelt es sich um kleinbürgerliche Betriebe, Händler und Handwerker. Auch Bauern gehören dazu. Die Arbeiterführung der DDR hatte kein Interesse, den redlichen Menschen etwas anzutun. Im Gegenteil. Sie sollten dem sozialistischen Staat beim Aufbau helfen. Die Meisten taten das gern. Sie litten oft selbst unter dem Faschismus; wollten jedoch nicht offensiv dagegen auftreten. Meist stand etwas schwer erarbeiteter, verschuldeter Besitz dazwischen. Man wollte nicht ein Leben lang umsonst die Darlehen bedient haben. Dieser Umstand fand selbst in der DDR-Regierung ihre Anerkennung. Die Politik sah vor, im Zeitraum der Abschreibung, privaten Besitz der Vergangenheit in volkseigenen- umzuwandeln. Im Rahmen der Wertschöpfung, wandelte sich der Besitz automatisch in Volksbesitz um. Es sei denn, die Besitzer erarbeiten den Wert ihrer Firma zu einhundert Prozent selbst. Dann ist es legitimer Besitz.
Das Hotel hatte einen ziemlich großen Saal. Der wurde von der Partei der Stadt – Hohenburg als Versammlungsraum benutzt. Er sollte auch für Konferenzen genutzt werden. Der Stadtrat traf sich regelmäßig in den eigenen großzügigen Räumen. Hohenburg war keine arme Stadt als Zentrum der Bergbau- und Textilindustrie. Selbst der Fahrzeugbau hatte dort ein Standbein neben dem Maschinenbau.
korr240626
In der Weißen Taube trafen sich die Betriebsparteileitungen. Eigentlich hatte die Partei dafür ein eigenes Gebäude samt Sitzungssaal. Die Wahl der Weißen Taube wirkte aber insgesamt bürgernäher. Mit Buffet und Getränken, gelangen auch die Überzeugungsarbeiten etwas leichter. Zumal die Beschlüsse eigentlich schon in den Kollektiven erfolgten und im großen Sitzungssaal nur zusammengerechnet wurden. Verrechnen konnte sich dabei keiner. Auch nicht bewusst. Das wäre den Genossen aufgefallen. Jedes einzelne Kollektiv wurde dabei mit dem Stimmenanteil genannt. Wehe, eine Nein-Stimme befand sich darunter. Der oder die Neinsager wurden auf extra Treffen so lange überzeugt, bis daraus eine Jastimme wurde. Das war keine Folter, sondern schwerste Überzeugungsarbeit. Dafür gab es Agitatoren. Die sollten dem störrischen Genossen die Zusammenhänge erläutern. Dabei geht es um Logik. Mitunter haben Genossen bei der Arbeit und etwas Stress, Probleme mit der Logik. Es fällt einem etwas schwer, gewisse logische Zusammenhänge zu erkennen.
Heinz hatte damit nie Probleme. Als Nichtgenosse. Er amüsierte sich bisweilen über die Wortgefechte unter den Genossen. Aber genau das, sah er als wahre Demokratie an.
Nicht wenige der Genossen, wollten mit Widersprüchen gewisse Vorteile für sich oder ihre Gruppe erzwingen. Oder zumindest darauf aufmerksam machen. Sobald sich das Präsidium damit befassen musste, haben sie gewonnen. Die einfache Eingabe hätte zwar gereicht, aber den Genossen dauerte der Bearbeitungsweg zu lange.
Auf den vielen Veranstaltungen, die Heinz bediente, erlangte er durch seine Fachkenntnisse besonderen Ruhm. Er wurde zum Oberkellner befördert. Das erforderte natürlich noch ein paar Schulungen. Die Schulungen sind anfangs streng vom Marxismus – Leninismus geprägt. Das diente hauptsächlich der Aufklärung, für wen die Leiter von Bereichen arbeiten. Jedenfalls nicht für Ausbeuter. Einige Kollegen nahmen das anfangs nicht besonders ernst. Heinz schon. Im puren Missverständnis wurde er als Streber verlästert. In fachlicher Hinsicht, suchte er stets die Perfektion. Das führte in zwangsläufig zu einer einheimischen Kollegin. Magda.
Magda arbeitet als Küchenleiterin. Sie ist Meisterköchin. Ihre Schwester ist nach Kanada ausgereist. Über dieses Gespräch fanden die zwei Kollegen einen besonderen Draht. Heinz kannte Kanada.
„Im Leben würde ich nicht in solche eine Hundetürkei ausreisen“, betonte er inbrünstig. „Ich bin etwas Luxus gewohnt und bediene den auch gern. Warum sollen Arbeiter und Bauern keinen Luxus haben?“
Die Schwester musste Deutschland unter Hitler verlassen. Sie war jüdisch. Magda auch. Aber sie kam wieder in ihre Heimat. Dort nahm sie den Auftrag der SED an, Köche auszubilden. Die Verbindung zu ihrer Schwester half ihr dabei besonders. Vor allem beim Bezug von französischer Fachliteratur in Form von Kochbüchern. Die jungen Köche der DDR sollten sich an der klassischen französischen Küche orientieren. Zumindest in ihrer Grundausbildung. Die Systematik der Küche war dafür Ausschlag gebend. Zumal neben der italienischen Küche, der Einfluss in Sachsen dafür wirkte. Die Einstellung passte natürlich gut zu unserem Oberkellner Heinz. Schon wurde das Hotel das Zentrum der Lehrausbildung des Umlandes. Magda war wegen ihrer Herkunft bereits glühende Kommunistin. Genau diese Schule wirkte auf Heinz ganz besonders. Anfangs etwas zwingend. Später jedoch wesentlich überzeugter. Genosse wurde Heinz trotzdem nie. Das war ihm so aber auch recht.
Diesem Umstand verdankt Heinz die Stellung als Brücke zwischen Partei und Volk. Sozusagen, als Friedensrichter.
In der Lehrausbildung war das sehr wichtig. Zumal sämtliche Lehrfächer im theoretischen Teil etwas marxistisch überlastet waren. Zumindest am Anfang der Arbeiter- und Bauernrepublik. „Nie wieder Krieg“ wurde sehr ernst genommen als Potsdamer Vermächtnis. Trotzdem wir uns wegen des braunen Nachbarn sehr in Acht nehmen müssen. Sabotagen füllen die Schlagzeilen der Presse. Es gibt viele Opfer aber kaum Schlagzeilen. Die DDR Zeitungen werden nur sehr wenig gelesen. Die Westmagazine hingegen sind sehr gefragt. Kaum einer will die Wahrheit hören. Trotzdem sie mit Lügen in den Krieg geführt wurden. Als Herrenrasse.
Mit der Herrenrasse waren offensichtlich nur einige gemeint. Die Verbrecher, welche sich mit der Beute absetzten. Komisch. Die hat keiner gefangen, gehängt oder erschossen.
Hier stehen jetzt die Beklauten. Nicht alle fühlen sich als Opfer. Das braucht noch ein paar Jahre bis zur Einsicht.
Heinz hat die Einsicht gewonnen. Auch mit Narben wie sie viele Kommunisten vorweisen können. Seine Narben sind politisch bedeutungslos. Er kämpfte nie gegen die Diktatur der Nazis. Ursache war eher ein Arbeitsunfall, wenn man es aus der Sicht betrachten möchte. Bisher hat er aus seinen Fehlern gelernt. Teilweise auch sehr schmerzhaft.
Sein Bestreben ist jetzt, den jungen Menschen seine Erlebnisse näherzubringen. Nicht alle. Nur Auszüge. Die Zuhörer sollten selbst entscheiden, warum er seinen Weg bereute. In erster Linie diente er seiner Familie. Sein Einkommen war die Grundlage für eine angesehene Stellung im Ort. Inwieweit sich das in Heuchelei dokumentierte, konnte er kaum beurteilen. So selten er zu Hause war. Getuschelt wurde schon hinter seinem Rücken. Auch über seine Frau. Die Frau eines Seemanns. Heinz war schon klar, wie die Wünsche von Greta eine gewisse Eigendynamik entfalten. Der Mangel an gemeinsamer Zeit half dabei entscheidend mit. Schließlich muss ein natürliches Bedürfnis unmittelbar erfüllt werden. Das Umfeld von Hafenstädten bot dafür ausreichend Gelegenheiten. Natürlich auch mit den entsprechenden Konsequenzen. Heinz wusste das. Sicher von Kollegen oder Nachbarn. Sein Ruf war tadellos. Er wollte aber mit Gerüchten nicht seine Karriere belasten. Er lieferte selbst keine Gerüchte.
Die Zusammenarbeit mit Magda bei der Ausbildung von Gastronomen sollte aber ein Erfolg werden. Gestützt auf fachliches Können.
Bereits nach einem Jahr schickte der Kreisbetrieb der HO alle seine Lehrlinge zu Magda und Heinz. Bedenken gab es keine. Eher sehr viel Lob.
Korr270626
Trotz der Erfolge, haben Magda und Heinz ein Problem. Irgend jemand vergreift sich massiv am Volkseigentum. Immer noch. Neue Schlösser sind schwer zu bekommen. Alle Lager müssten neue Schlösser bekommen. Eigentümlicher Weise verschwinden nicht nur Lebensmittel und Getränke. Schlimmer noch. Neue Schlösser sind schwer zu bekommen. Alle Lager müssten neue Schlösser bekommen. Eigentümlicher Weite verschwinden nicht nur Lebensmittel und Getränke. Schlimmer noch. Auch Handtücher, Wischtücher, Bettwäsche, Gardinen, Werkzeug, Personalkleidung und so weiter. Für den Großteil der Artikel trägt Heinz die Verantwortung.
Die Volkspolizei kann noch nicht direkt bei der Aufklärung helfen. Hauptsächlich wegen des internationalen Gästekreises. Kurt der Volkspolizist empfiehlt Heinz, die Stasi einzuschalten. Er beschreibt Heinz, wo sich deren Stützpunkt befindet. Heinz muss lachen.
„Ich weiß das.“ Mehr sagt er nicht zu Kurt. Der ist von hier. Obwohl Kurt sicher Bescheid weiß von Heinz’ Vergangenheit.
Heinz geht zur Stasi. Andreas empfängt ihn dort.
„Uns wird sehr viel Ware und Inventar gestohlen.“
Andreas möchte wissen, welche Waren und welches Inventar das konkret betrifft. Heinz soll eine Inventurliste zusammenstellen.
Die HO stellt eine Inventurgruppe zusammen und gleicht den Bestand mit den Lieferungen ab. Der Schaden ist beträchtlich. Heinz muss sich Kritik gefallen lassen. Fahrlässigkeit und schlimmer. Heinz gerät auch selbst zeitweise unter Verdacht. „Der Ordnung halber“, versichert Andreas. „Wir Beide wissen, warum.“
Heinz ist beruhigt. Er selbst rechnete mit dem ersten Verdacht.
korr280626
Die früheren Besitzer hatten dafür mehrere Beobachtungspunkte eingerichtet. Durchsichtige Spiegel. Doppelte Decken aus Stuckornamenten und Vieles mehr. Hauptsächlich in den Arbeitsbereichen. Auch in den Personalgarderoben. Andreas lässt die Posten besetzen. Angeblich wären seine Mitarbeiter – Handwerker. Meist beziehen sie ihre Stellungen als Maler, Maurer oder Tischler. Die Beweisaufnahme nimmt fast drei Wochen in Anspruch. Das Reinigungspersonal hilft tatkräftig mit.
Nach der Auswertung der Notizen der Beobachter und reichlich Fotos, steht der Schuldige fest. Für Andreas war es vor allem wichtig, das gesamte Netzwerk zu enthüllen.
Heinz fällt auf, Susi ist nicht auf Arbeit gekommen.
„Ist Susi krank?“
„Ja“,antwortet Volker, der Leiter des Hotels. „Andreas hat mich angerufen und Susi entschuldigt. Sie hilft bei der Aufklärung der Diebstähle.“
„Wer betreut jetzt die Bar?“
„Julia.“
„Was? Julia vom Chemnitzer Hof?“
„Kennst du Julia?“
„Aber natürlich. Sie hat bei uns gelernt.“
„Bei dir, lieber Heinz. Wir bekommen keinen Qualitätsverlust.“
„Wieso machst du diese Bemerkung? Bleibt Susi länger weg? Hat sie wo anders angefangen?“
„Susi hat die Stasikantine übernommen.“
„Das kann nicht sein. Die hat doch Karin. Karin hat auch bei uns gelernt, wie du weißt.“
„Meines Wissens, leitet Susi den Innendienst“, antwortet Volker.
„Jetzt ahne ich, was los ist. Wegen der Diebstähle?“
„Pst! Das ist noch nicht sicher!“
„Du hast das der Stasi übergeben.“
„Das ging nicht anders. Ich darf auch mit dir nicht darüber reden. Du warst auch verdächtig.“
„Andreas sagte mir das.“
„Dann kann ich es dir sagen“, antwortet lachend Volker. „Die Diebstähle wurden alle in Westmark abgerechnet. Kaviar, Krimsekt, Lachs und so weiter. Es waren auch Aufnahmen von den Parteiversammlungen und anderen Treffen dabei.“
„Ich habe oft bei ihr unsere Mark gegen Westmark getauscht.“
„Das haben wir alle. Die Quelle ist jetzt trocken.“
„Dann hat sie ja gutes Geld verdient.“
korr280626
„Das wird ihr wenig nützen.“
Andreas ist sich in der Beziehung ziemlich sicher. Bei den Verhören werden die Hintermänner bekannt. Sie sind wöchentlich die Gäste auch in der Weißen Taube. Bei der Beobachtung stellt sich heraus, sie gastieren nicht nur in der Weißen Taube. Kontakte nehmen sie über Restaurants, Bars und Kneipen auf. Die sind auch zahlreich bei Konzerten und Theateraufführungen zu Gast. Die Männer um Andreas finden auch im direkten Umfeld von Susi und Heinz einen Gehilfen. Der hatte praktisch Zugang zu allen Schlössern des Hotels. Der Hausmann – Oswald.
Oswald ist ein glühender Nazi. Bei der folgenden Hausdurchsuchung wurden zahlreiche Utensilien entdeckt, die wir vergleichbar in Kirchen finden würden. Die Größen der Nazis waren wie Ikonen an der Wand befestigt. Fast wie vor einer Erschießungsmauer. Umfasst mit Kränzen aus Eichen- oder Lorbeerlaub. Angeordnet wie an einem Schrein, wurden die Größen mit Hakenkreuzen und nordischen Runen geschmückt. Die Ermittler schütteln den Kopf ob dieser Krankheit.
Oswald selbst, bleibt auch nicht besonders stumm. Er koordinierte die Diebstähle, die von Susi ausgeführt wurden. Für viele Schlösser fertigte er die Nachschlüssel an. Die Hehler waren nicht nur Vertreter aus dem Westen. Auch Handwerker im Haus. Deren Verhaftungen wirkten besonders dramatisch für das Hotel. Der Bau verzögerte sich in Folge der Verhaftungen. Das sprach sich auch unter den Handwerkern herum. Die Genossen unter den Handwerkern mussten verpflichtet werden. Die taten das nicht besonders gern. Das bedeutete auch Verluste. Bernhard, der Parteivorsitzende von Hohenstein versprach, sich darum zu kümmern. Immerhin geht es um Einnahmen und den Ruf der Stadt. Kein leichtes Spiel, wie Bernhard bemerkte.
Ausschlag gebend war aber Rennstrecke in Hohenstein. Die zog hunderttausende Gäste an. Dazu Reporter und Journalisten. Nicht wenige Spione und Saboteure. Neben diesen Tatsachen wurden der einheimischen Bevölkerung auch die üblichen kapitalistischen Gewohnheiten näher gebracht. Neben übermäßigem Alkoholgenuss fand auch ein übersteigerter Drogenkonsum gefolgt von einer gewissenlosen Kriminalität den Einzug in die Stadt. Andreas muss die Hintermänner stellen. Das erforderte einen sehr hohen Personalaufwand, um wirkungsvoll zu reagieren. Im Arbeiter- und Bauernstaat ist das nicht all zu schwer. Es geht um den Schutz ihres Eigentums. Freiwillige Helfer finden sich schnell.
Die Abwehr der Tätigkeiten erweist sich als sehr wirkungsvoll. Die Propagandamühlen der Westnazis reagierten sehr schnell. Als würde Goebbels im Fernsehen schreien, verkündeten seine Schüler die gleiche Hetze. Plötzlich waren Ostdeutsche – Menschen zweiten Grades und Untermenschen wie Slawen. Zu dumm zum Regieren und zu faul zum Arbeiten. Das Alles bei drückendem Hunger unter der kommunistischen Diktatur. Die eigene Unfähigkeit, Sportveranstaltungen so reibungslos zu organisieren, ließ die Brut der Nazis in purem Neid versinken. Trotzdem sie die Möglichkeiten der Sabotage erkannten und das als Kompromiss anerkannten. Ihre Ziele wurden teilweise erreicht.
korr300626
Greta – erste Frau von Heinz/Sohn – Paul
Klaus-schwuler Kellner
Susi-Kollegin-Barfrau
Weiße Taube – Hotel von Heinz
Hohenstein – Stadt von Heinz
Magda – Köchin
Magda und Heinz -Lehrausbilder

Hinterlasse einen Kommentar